Die „Kristallnacht“-Lüge
Prof. Dr. Meier Schwarz vom Synagogue Memorial,
Jerusalem,
in Zusammenarbeit mit Karin Lange
Die
Geschehnisse, die sich in der Nacht vom 09. auf den 10. November
Der Chef der Sicherheitspolizei
Reinhard Heydrich erwähnt am 11. November 1938 in einer vorläufigen
Bilanz des landesweit durchgeführten und genau geplanten Pogroms, dass es
36 Todesfälle und außerdem 36 Schwerverletzte unter der
jüdischen Bevölkerung gegeben habe.[3] Obwohl
bereits der Geheimbericht des Obersten Parteigerichts vom 13. Februar 1939, der
von 91 Toten spricht[4],
die Zahl 36 revidierte, wurde sie jahrelang in der Literatur als
endgültige Opferzahl übermittelt und selbst von WissenschaftlerInnen
immer wieder getreulich abgeschrieben. Das Simon Wiesenthal Center
beispielsweise führt in einer Gedenkschrift zum 50. Jahrestag der
Pogromnacht an, dass 36 Juden getötet wurden. Darüber hinaus wird
ohne Angabe der Quellen darauf hingewiesen, dass in einigen Schriften die Zahl
bei 91 liegt.[5]
Dies ist die in der Literatur am häufigsten erwähnte Zahl, die jedoch
weit von der tatsächlichen Zahl der Opfer des Pogroms entfernt ist. Diese
falsche, durch Manipulation in Umlauf gebrachte Zahl wurde selbst dann noch
immer wieder unter dem Deckmantel des neuesten wissenschaftlichen Standes
publiziert, nachdem Hermann Graml bereits 1988 darauf aufmerksam gemacht hatte,
dass zu den Juden, die unmittelbar in der Nacht vom 09. zum 10. November 1938
ums Leben gekommen sind, auch jene als direkte Opfer der Maßnahmen jener
Nacht gelten müssen, die von der Gestapo in die Konzentrationslager
Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen gebracht wurden und dort an den Folgen von
Misshandlungen verstarben. Graml versteht, dass es mehrere hundert Menschen
gewesen sind, die aus den Konzentrationslagern nicht mehr nach Hause
zurückkehrten.[6]
Auch Wolfgang Benz stellt 1988 Bemühungen an, die
Zahl der Toten des Pogroms in die richtige Richtung zu korrigieren. Ihm ist es
wichtig, darauf hinzuweisen, dass bei der Ermittlung der tatsächlichen
Opferzahl nicht nur jene mit eingerechnet werden, die ihren Folgeschäden
und schweren Verletzungen erlagen, sondern auch jene Menschen, die sich in den
Wochen nach dem Pogrom das Leben nahmen.[7] Selbstmordopfer
jener Zeit „müssen als direkte Opfer des Pogroms gelten“[8].
Heinz Lauber erkannte bereits 1981, dass sich die „Zahl der Freitode in
direktem und vor allem indirektem Zusammenhang mit dem Judenpogrom November
1938“[9]
kaum noch rekonstruieren lässt. Dennoch war die Erkenntnis, dass sowohl
die verübten Anschlussverbrechen an Menschen jüdischen Glaubens als
auch die Selbstmordopfer in der Märtyrerliste berücksichtigt werden
müssen, Ausgangspunkt für die Forschungsarbeit des Synagogue
Memorial. In mühevoller Kleinarbeit fand unsere Arbeitsgruppe bei der
Akteneinsicht in den ehemaligen Konzentrationslagern und durch die
Knüpfung persönlicher Kontakte zu Hinterbliebenen der Opfer heraus,
dass in der Pogromnacht ungefähr 400 Menschen ermordet wurden. Während
der Tage nach dem Pogrom kamen weitere 400 Menschen ums Leben. Unser Team
erstellte eine vorläufige Märtyrerliste der im Konzentrationslager
Buchenwald ums Leben gekommenen Menschen. 207 Juden fanden dort ihren Tod. In
Dachau sollen es 185 Todesopfer gewesen sein. Die Zahl der Ermordeten des
Konzentrationslagers Sachsenhausen ist unbekannt. Die korrekte Zahl der
Märtyrer der Kristallnacht lässt sich wohl nicht mehr ermitteln. Wir vermuten, dass die Anzahl der Opfer des
Pogroms bei 1.300 bis 1.500 liegt. Dem Synagogue Memorial ist daran gelegen,
bislang unbekannte Opfer in die Liste aufzunehmen. Deshalb sind wir dringend
auf die Informationen von Angehörigen angwiesen. Uns ist es wichtig,
darauf aufmerksam zu machen, dass sogar die Namenliste der deutschen
jüdischen Mitbürger, die im Holocaust ums Leben kamen, nicht die
Namen der Opfer des Pogroms enthält, da der Novemberpogrom noch ‘vor‘ den
Beginn des Holocaust datiert wird. Wir wissen jedoch längst, dass die
„brennenden Synagogen […] Voraussignal für Ausschwitz“[10] waren.
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|
Anzahl der in Folge der Pogromnacht inhaftierten Juden |
Anzahl der entlassenen
Juden |
Menschen, deren Schicksal
nicht bekannt ist |
Anzahl der Ermordeten |
|
Dachau |
10.911 |
10.415 |
496 |
176 |
|
Buchenwald |
9.845 |
8.311 |
1.534 |
207 |
|
Sachsenhausen |
ca. 10.000 |
unbekannt |
|
unbekannt |
Die Zahlen der Tabelle stützen sich auf die
Forschungsarbeit von Prof. Dr. Meier Schwarz und dem Synagogue Memorial.
Auch in der Geschichtsschreibung
über die Anzahl der im Novemberpogrom niedergebrannten oder
zerstörten Synagogen haben sich falsche Angaben eingeschlichen, die dann
immer wieder unkritisch übernommen wurden. In dem bereits erwähnten
Brief Heydrichs an Hermann Göring vom 11. November 1938 heißt die
vorläufige unvollständige Bilanz, die nur die bis zu diesem Zeitpunkt
eingegangenen Meldungen berücksichtigte: „An Synagogen wurden 191 in Brand
gesteckt, weitere 76 vollständig demoliert.“[11] Diese
insgesamt 267 ruinierten Synagogen werden in der Literatur bis heute oftmals
als endgültig ermitteltes Ergebnis aufgeführt. Wenn
WissenschaftlerInnen diese Zahlen ‘getreulich‘ immer wieder abschreiben, ohne
sie jemals anzuzweifeln und ohne jemals Versuche zu unternehmen, die Zahlen zu
überprüfen, so zeugt dies eindeutig von wissenschaftlicher
Nachlässigkeit. Die falsche Zahl wurde auch dann noch hartnäckig
weitertradiert, nachdem Avraham Barkai 1988 darauf hingewiesen hatte, dass in
der Pogromnacht „fast alle noch bestehenden Synagogen, ca. 400 an der Zahl, […] in Flammen“[12]
aufgingen. Barkai leistete mit seiner Veröffentlichung einen Beitrag zur
Aufdeckung der „Kristallnacht“-Lüge. Auch wenn die angegebene Zahl von 400
in Brand gesetzten Synagogen noch immer weit von der tatsächlichen Zahl
entfernt ist, so stimmt es doch, dass damals bis auf wenige Ausnahmen alle Synagogen
den Schandtaten der Nazionalsozialisten zum Opfer fielen.
Die „Heydrich“-Zahl von 267 zerstörten Synagogen
hatte sich in der Literatur derart durchgesetzt, dass jegliche
Veröffentlichungen, die die Anzahl anhoben, zunächst angezweifelt
wurden. Roland Flade schrieb in einem Kapitel über die Pogromnacht bereits
1987: „Mehr als 1000 jüdische Gotteshäuser werden in Brand gesteckt
oder verwüstet“[13].
Leider lässt Flade an dieser Stelle unerwähnt, ob er dieses Ergebnis
eigener Forschungsarbeit verdankt oder ob er sich auf andere Quellen beruft.
Die Zahl 1.000 war in den 80er Jahren unter WissenschaftlerInnen noch derart
unvorstellbar, dass Wolfgang Kraus in einem Fußnotentext zu einer 1988
erschienenen Arbeitshilfe für Unterricht und Gemeindearbeit sogar folgende
Vermutung anstellt: „Flades Angabe der Zerstörung von 1000 Synagogen, [sic] dürfte
ein Versehen sein.“[14]
Nach jahrelanger Forschungsarbeit fand das Synagogue Memorial, das an einem
8-bändigen Synagogen-Gedenkbuch für Deutschland arbeitet, (der erste
Band über Nordrhein-Westfalen erschien 1999) heraus, dass im
Novemberpogrom in Deutschland 1.406 Synagogen und Betstuben niedergebrannt oder
vollständig zerstört wurden. Jeder einzelnen dieser Synagogen und
Synagogengemeinden soll in dem Gedenkbuch eine Art ‘Gedenkstein‘ gewidmet
werden. Wir sehen es als unsere Pflicht an, dem durch die Nationalsozialisten
vernichteten jüdischen Kulturgut 64 Jahre nach dem Terror ein
ehrwürdiges Andenken zukommen zu lassen.
Die Schmach jenes grauenvollen,
blutigen Pogroms war derart groß, dass die Narben dieses Unglücks
wohl niemals vollständig verheilen können. Allerdings ist es wichtig,
dass sowohl alle Menschenschicksale als auch die Opfer, die die jüdische
Kultur und Architektur im Novemberpogrom bringen mussten, in der Literatur vollständig
Erwähnung finden. Hätte die Bevölkerung in der Pogromnacht nicht
geschwiegen, hätte ein solcher Holocaust vielleicht verhindert werden
können. Wer Verbrechen mitansieht oder wer sie verschweigt, beteiligt sich
an ihnen! 64 Jahre nach der Pogromnacht darf die Wahrheit nicht länger
verschwiegen werden! Nur wenn wir der Vergangenheit wachsam ins Auge blicken,
können wir einem erneuten Verbrechen dieser Art Vorschub leisten.
Anlage:
Auszug aus
der vorläufigen Märtyrerliste des Synagogue Memorial
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Märtyrer
der Pogromnacht 9.11.1938
|
Bibliographie:
Barkai, Avraham. „’Schicksalsjahr 1938’:
Kontinuität und Verschärfung der wirtschaftlichen Ausplünderung
der deutschen Juden”. Hrsg. Walter H. Pehle. Der Judenpogrom 1938: Von der
“Reichskristallnacht” zum Völkermord. Frankfurt am Main, 1988. 94-117.
Benz, Wolfgang. „Der Rückfall in die
Barbarei: Bericht über den Pogrom.“ Hrsg. Walter H. Pehle. Der
Judenpogrom 1938: Von der „Reichskristallnacht“ zum Völkermord. Frankfurt
am Main, 1988. 13-51.
Flade, Roland. Die Würzburger Juden: Ihre
Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Würzburg, 1987.
Freimark, Peter und Kopitzsch, Wolfgang. Der
9./10. November 1938 in Deutschland: Dokumentation zur „Kristallnacht“.
Hamburg, 19885.
Gorschenek, Günter und Reimers, Stephan
(Hrsg.). Offene Wunden – brennende Fragen: Juden in Deutschland von 1938 bis
heute. Frankfurt am Main, 1989.
Graml, Hermann. Reichskristallnacht:
Antisemitismus und Judenverfolgung im Dritten Reich. München, 1988.
Hofmann, Thomas u.a. (Hrsg.). Pogromnacht und
Holocaust: Frankfurt, Weimar, Buchenwald… Die schwierige Erinnerung an die
Stationen der Vernichtung. Weimar, Köln und Wien, 1994.
Kraus, Wolfgang. „Sachlich-inhaltliche
Überlegungen zur ‘Reichskristallnacht’”. Hrsg. Wolfgang Kraus und
Siegfried Bergler. Die ‘Reichskristallnacht’, 9. November 1938: 50 Jahre
danach – was geht mich das an? Eine Arbeitshilfe für Unterricht und
Gemeindearbeit. Neuendettelsau, 1988. 2-12.
Kropat, Wolf-Arno. “Reichskristallnacht”: Der
Judenpogrom vom 7. bis 10. November 1938 – Urheber, Täter,
Hintergründe.
Lauber, Heinz. Judenpogrom:
„Reichskristallnacht“ November 1938 in Großdeutschland: Daten – Fakten –
Dokumente – Quellentexte – Thesen und Bewertungen. Gerlingen, 1981.
Müller, Christiane und Müller,
Hans-Jürgen (Hrsg.). Gedenken – Erinnern: Eine Handreichung aus
Anlaß des 60. Jahrestages der Reichspogromnacht. Neuendettelsau,
1998.
Pätzold, Kurt und Runge, Irene. Pogromnacht
1938. Berlin, 1988.
Simon Wiesenthal Center (Hrsg.). Kristallnacht.
Stuckmann, Horst. „’Reichskristallnacht’ –
Beispiel faschistischer Rassenpolitik”. Hrsg. Max Oppenheimer (u.a.). Als
die Synagogen brannten: Antisemitismus und Rassismus gestern und heute. Köln, 19883. 15-35. 15.
[1]Stuckmann, Horst. „’Reichskristallnacht’ –
Beispiel faschistischer Rassenpolitik”. Hrsg. Max Oppenheimer (u.a.). Als
die Synagogen brannten: Antisemitismus und Rassismus gestern und heute.
Köln, 19883. 15-35. 15.
[2]Barkai, Avraham. „’Schicksalsjahr 1938‘:
Kontinuität und Verschärfung der wirtschaftlichen Ausplünderung
der deutschen Juden“. Hrsg. Walter H. Pehle. Der Judenpogrom 1938: Von der
„Reichskristallnacht“ zum Völkermord. Frankfurt am Main, 1988. 94-117.
113.
[3]Schnellbrief des Chefs der Sicherheitspolizei
Heydrich an den Preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring
am 11. November 1938. In: Kropat, Wolf-Arno. „Reichskristallnacht“: Der
Judenpogrom vom 7. bis 10. November 1938 – Urheber, Täter,
Hintergründe. Wiesbaden, 1997. 235.
[4]Kropat, Wolf-Arno. „Reichskristallnacht“: Der Judenpogrom vom 7. bis 10. November 1938 –
Urheber, Täter, Hintergründe. Wiesbaden, 1997. 148.
[5]
Simon Wiesenthal
Center (Hrsg.). Kristallnacht.
[6]Graml, Hermann. Reichskristallnacht:
Antisemitismus und Judenverfolgung im Dritten Reich. München, 1988.
32.
[7]Benz, Wolfgang. „Der Rückfall in die
Barbarei: Bericht über den Pogrom.“ Hrsg. Walter H. Pehle. Der
Judenpogrom 1938: Von der „Reichskristallnacht“ zum Völkermord.
Frankfurt am Main, 1988. 13-51. 29.
[8]Stuckmann 15.
[9]Lauber, Heinz. Judenpogrom:
„Reichskristallnacht“ November
[10]Stuckmann 15.
[11]Schnellbrief des Chefs der Sicherheitspolizei
Heydrich an den Preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring
am 11. November 1938. In: Kropat, Wolf-Arno. „Reichskristallnacht“: Der
Judenpogrom vom 7. bis 10. November 1938 – Urheber, Täter, Hintergründe.
Wiesbaden, 1997. 235
[12]Barkai 113.
[13]Flade, Roland. Die Würzburger
Juden: Ihre Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Würzburg,
1987. 312.
[14][Kraus, Wolfgang. „Sachlich-inhaltliche Überlegungen zur ‘Reichskristallnacht’“.
Hrsg. Wolfgang Kraus und Siegfried Bergler. Die ‘Reichskristallnacht’, 9.
November 1938: 50 Jahre danach – was geht mich das an? Eine
Arbeitshilfe für Unterricht und Gemeindearbeit. Neuendettelsau, 1988.
2-12. 8.