Synagogen in Ostereich / Synagogues in Austria |
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Entwurf
Gedenkbuch Österreich-
Vorwort von Prof. Schwarz
Die Recherche für das Synagogen-Gedenkbuch Österreich sowie seine Ausarbeitung waren eine einzigartige Erfahrung:
im Laufe akribischer Forschungsarbeit wurde aus den vielen Mosaiken jüdischer Einzelschicksale ein Ganzes. Ein vielfältiges und faszinierendes Kapitel jüdischen Lebens schlug sich vor uns auf...
Dies ist auch der Grund, dass die Arbeit länger gedauert hat, als geplant.
Es wurde uns klar, dass Österreich nicht einfach nur ein Deutschland ähnliches Land ist, sondern dass es einen speziellen Charakter hat.
Sowohl historisch als auch politisch/geographisch hat Österreich seine Besonderheiten, wie zum Beispiel die riesige k.und k. Monarchie, die so viele jüdische Emigranten nach Wien brachte, die auch später nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs in „Klein“-Österreich blieben und dort dem Judentum sein spezielles Gepräge gaben.
Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in der frühen Neuzeit, in der sich zahlreiche jüdische Gemeinden etablierten und entfalteten. Das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts sind die Blütejahre des österreichischen Judentums. Weniger als ein Jahrhundert später geht dieses Kapitel jüdischen Lebens endgültig zu Ende: Der „Anschluß“ an Deutschland, das Novemberpogrom 1938 und der Holocaust beendete in einem Jahrzehnt diese Jahrhunderte alte jüdische Kultur.
Unser Gedenkbuch ist ein Versuch, das Erbe dieser zerstörten Kultur zu bewahren und sich ihrer zu erinnern.
Mit der Beschreibung der Synagogen wollen wir die jüdischen Gemeinden und ihren jeweiligen spezifischen Charakter dokumentieren.
Die Synagoge war das Herzstück der Gemeinde. Hier traf man sich zwei Mal täglich zum Morgen- und Abendgebet, und am Sabbat dreimal. Höhepunkte waren die Festtagsgottesdienste, bei denen keiner fehlte.
In der Synagoge wurde gelehrt und gelernt, sie war der Ort für Ansprache und Aussprache, hier traf man sich in Freud und Leid.
Die Synagoge war Symbol und Ausdruck jüdischen Lebens überhaupt, ein Ort, an dem der Einzelne Geborgenheit fand and wo er sich, abgesehen von der Familie, nicht unter Fremden, sondern zu Hause fühlte.
Man traf sich in der Synagoge für Gemeindeangelegenheiten, z. B. Wahlen und Abstimmungen, manchmal auch anlässlich öffentlicher Amtstätigkeit. Auch die Gemeinde-Fürsorge wurde hier organisiert.
Das Private war eng mit dem Gemeindeleben verknüpft und spiegelte sich in den synagogalen Zeremonien wider: die Namensgebung des Kindes, Beschneidung, der erstmalige Besuch der Wöchnerin nach der Entbindung, die Bar Mitzvah, Heirat und das Sprechen des Kadisch während des Trauerjahres. So bekamen die Freuden und Leiden des Einzelnen in der Synagoge ihre Prägung der Gesellschaft.
Spenden für „unsere“ Synagoge waren selbstverständlich, es war ja „unser“ Haus und- speziell in den Kleingemeinden- durch alle und mit allen gemeinsam gebaut, eingerichtet und betreut. Jeder gab seinen Teil dazu.
Die Synagoge wird auch „kleines Heiligtum“ genannt, denn sie ist in vielen Details ähnlich dem Tempel, der in Jerusalem stand. Diese Brücke wird deutlich im Gebet, das beim Betreten der Synagoge gesprochen wird: “ ...Wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnstätten, Israel. Durch die Fülle Deiner Gnade darf ich in Dein Haus kommen ... Ewiger, ich liebe die Stätte deines Hauses, dem Ort, wo deine Ehre thront.“ In Österreich wurden die Synagogen Tempel genannt, wie heute in Amerika.
Der Bau einer Synagoge war die Krönung einer neuen Gemeinde, der Verlust der Synagoge bedeutete das Ende der Gemeinde. Nur im alleräussersten Notfall durfte eine Synagoge verkauft werden, aber auch dann nicht für unwürdige Zwecke. Der Erlös aus dem Verkauf, der von fast allen jüdischen Gemeindemitgliedern bestätigt werden musste, durfte nur für ähnliche Zwecke verwendet werden, musste also dem G''ttesdienst bzw. der Heiligung des Lebens im weitesten Sinne dienen.
Mit dem „Anschluss“ im April 1938 begann der Holocaust in Österreich, der seinen ersten Höhepunkt in der Pogromnacht am 9. November 1938 erlangte. Die Brutalität der Nazi-Schergen war schlimmer als in Deutschland. Das prächtige österreichische Judentum ging grausam um.
Die Arbeit wäre nicht zustande gekommen ohne die moralische und materielle Unterstützung von Ronald S. Lauder, früherer amerikanischer Botschafter in Österreich, dem dieser Band gewidmet ist, und den Vermittlungen von Mr. Malcolm Hoenlein.
Das Gedenkband verdanken wir insbesondere der liebevollen Arbeit von Elishewa Shirion und Myriam Grosz, die sich tief mit dem Schicksal der Juden Österreichs verbunden fühlen.
Besonderer Dank gebührt Herrn Dr. Genee, der uns von Anfang an hilfsbereit zur Seite stand, und uns viele Grundinformationen und Bilder zukommen liess.
An alle Zeitzeugen und Überlebende – es waren viele! -, die uns ihre persönlichen Eindrücke geschickt haben, bedanken wir uns hiermit sehr herzlich. Vielen Dank auch an die vielen Interessierten, die uns Informationen u.a. über die religiösen Gebräuche einer spezifischen Gemeinde, die Nachlässe von Rabbinern, Berichte über jüdische Frontkämpfer in der k.u.k.-Armee (Dr. E.A. Schmidt) sowie Berichte über die Pogromnacht zukommen liessen.