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Seit dem 13. Jahrhundert ist jüdisches Leben in
Tirol belegt. Mittelalterliche Gemeinden existierten in Innsbruck, Bozen,
Brixen, Lienz und Trient; ihre Mitgliederzahlen blieben jedoch gering. 1520
wurden alle Juden aus Tirol ausgewiesen. Im Gegensatz zu der Lage in den
meisten österreichischen Ländern wurde es Juden in Tirol zwischen dem
16. und dem 18. Jahrhundert zeitweise gestattet, sich niederzulassen.
Nichtsdestoweniger fielen sie Verfolgungen und Stigmatisierungen zum Opfer. Es
ist belegt, dass im 17. und 18. Jahrhundert die kleine jüdische Gemeinde
in Innsbruck sich in dem Haus der Familie May in der Sailergasse 16 zum
gemeinsamen Gebet zusammenfand.
In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts siedelten
sich mehrere jüdische Familien aus Wien, Böhmen, Ungarn und Galizien
in Innsbruck an. Wie auch im gesamten Gebiet Tirols blieb ihre Zahl relativ
klein. Von 1890 an wurde die Innsbrucker Gemeinde von der Israelitischen
Kultusgemeinde Hohenems in Vorarlberg mitverwaltet, der Landesrabbiner Dr.
Josef Link vorstand. 1898 konnten die Juden in Tirol eine eigene
Kultuskommission einrichten, die eine Filiale in Innsbruck und eine in Meran
unterhielt.
Die Innsbrucker Gemeinde hielt ihre Gebete von 1900 bis
1907 in dem Bethaus in der Ainichstrasse 5a, im sogenannten
“Stöcklgebäude” des Brüllhauses, ab. 1910 etwa wurde eine
Synagoge, aus einem grossen Zimmer bestehend, im Hof des Hauses Sillgasse 15
errichtet. Das Grundstück war im Besitz von Wilhelm Dannhauser, dem ersten
Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde Innsbruck. Zu den Hohen
Feiertagen kamen auch Juden aus den ländlichen Gebieten Tirols, wie Lienz,
Landeck, Wörgl oder Hall, nach Innsbruck. Der Gottesdienst wurde zu diesen
Anlässen in dem grossen Gesellschaftssaal des Musikverbandes abgehalten.
Am Innsbrucker Westfriedhof wurde eine jüdische Abteilung eingerichtet.
1914 wurde der Gründung einer eigenständigen
Kultusgemeinde in Innsbruck stattgegeben, woraufhin das Rabbinat für die
Gebiete Tirol und Vorarlberg nach Innsbruck zog. Rabbiner Dr. Josef Link
betreute die Kultusgemeinde bis zu seinem Tod im Jahr 1932.
In Innsbruck entwickelte sich ein reges jüdisches
Vereinsleben: eine Chewra Kadischa, Frauenvereine, der jüdische Sportclub
“Hakoah” und ein Schachklub wurden gegründet. Es entstand auch eine
Ortsgruppe des Bundes jüdischer Frontsoldaten. 1919 konstituierte sich die
zionistische Jugendgruppe “Blau-Weiss”, die bis 1925 bestand. Bereits 1924
wanderten die ersten Juden nach Palästina aus. Anfang der Dreissiger Jahre
wurde in Innsbruck eine Betar-Gruppe ins Leben gerufen, die Jugendliche
über 14 Jahren zum Zionismus erzog. Rabbiner Dr. Elimelech Rimalt leitete
eine weitere zionistische Gruppe, “Maccabi Hazair”, der Kinder unter 14 Jahren
angehörten. Rimalt hatte 1932 das Amt des Rabbiners übernommen und
betreute die Gemeinde bis zu deren Zerstörung 1938.
In der Zwischenkriegszeit nahmen antisemitische
Propaganda und Angriffe auf die jüdische Bevölkerung immer mehr zu,
so dass viele Tiroler Juden nach Wien oder ins Ausland zogen. Im Sommer 1938
wurden polnische, russische und tschechische Juden, die sich in Österreich
niedergelassen hatten, ausgewiesen. Im Herbst 1938 musste sich die
Israelitische Kultusgemeinde Innsbruck auflösen; das Bankkonto der
Gemeinde wurde konfisziert. Während der Hohen Feiertage im Jahr 1938
fanden die letzten gemeinsamen Gebete in der Synagoge in der Sillgasse statt.
In der Progromnacht am 10. November 1938
zertrümmerten SS-Angehörige das Bethaus. Die Torah-Rollen wurden
verschmutzt und beschädigt. Drei prominente Mitglieder der Gemeinde wurden
brutal ermordet: der Vorsitzende der Kultusgemeinde Richard Berger, der
Direktor der Jüdischen Handelsgesellschaft Dr. Wilhelm Bauer und Richard
Graubart. Weitere sich noch in Innsbruck befindliche Juden wurden in ihren
Häusern überfallen und misshandelt. Ihre Wohnungen und Geschäfte
wurden geplündert. Während des November-Pogroms wurden 18
jüdische Männer verhaftet. Zwei Ehepaare wurden in den Fluss Sill
geworfen. Beiden gelang es, sich an das Ufer zu retten.
Nach der Pogromnacht besichtigten zwei Mitglieder der
jüdischen Gemeinde, die nicht verhaftet wurden, die zerstörte
Synagoge, sammelten die geschändeten Torah-Rollen auf und übergaben
sie Emigranten nach Palästina und in die USA. Das ehemalige Bethaus wurde
später von der Hitlerjugend als Magazin verwendet. Am 19. November 1938
erliess die Gestapo den Befehl, dass alle Juden Tirol verlassen müssten.
Sie wurden nach Wien und von dort in die Konzentrationslager deportiert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten einige jüdische
Familien nach Innsbruck zurück und gründeten eine kleine Gemeinde,
die um 1961 einen Betsaal in der Zollerstrasse 1 einrichtete. 1991 wurde in der
Sillgasse 15, dem Standort der ehemaligen Synagoge, ein neues Bethaus, im
Erdgeschoss eines Wohn- und Geschäftshauses, errichtet. 1998 konnte die
Israelitische Kultusgemeinde Innsbruck, die für die Bundesländer
Tirol und Vorarlberg zuständig ist, 40 Mitglieder verzeichnen.
Literatur:
-
Genée, Pierre, Synagogen in Österreich, Wien, 1992
-
Rimalt, Elimelech
S.: ‘The Jews of Tyrol’ in: The Jews of Austria: Essays on their Life,
History and Destruction, J. Fraenkel, London, 1967
-
Sella, Gad Hugo:
Die Juden Tirols, Tel Aviv, 1979
-
Maislinger, Andreas: “Die Verletzung wirkte sofort
tödlich”, in Tribüne, 27.
Jahrgang., Heft 107, 1988
-
Maislinger, Andreas /G. Pallaver: ‘Antisemitismus ohne
Juden. Das Beispiel Tirol’ in: Plat, W. (Hrsg.): Voll Leben und voll Tod ist diese Erde, Wien, 1988
-
Köfler, G.: ‘Tirol und die Juden’ in: , Albrich,
Thomas / K. Eisterer/ R. Steininger:
Tirol und der Anschluss, Innsbruck, 1988.
-
Rosenkranz, Herbert: “Der Novemberpogrom 1938 in
Innsbruck”, in Leo Baeck Institute
Bulletin, 81, 1988
Summary in English:
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