Synagogen in Ostereich / Synagogues in Austria


click on page to advance

IKG Linz

 

Bethlehemstrasse 26

 

               1877

 

Erbaut

Built

1876/77

Letzter Rabbiner

Last Rabbi

Dr. Viktor Kurrein

Erste Erwähnung der Gemeinde

First Mention of the Community

1851

Kompetenzbereich

Area of Competence

Oberösterreich (mit Ausnahme der politischen Bezirke Steyr und Kirchdorf)

Upper Austria (except the political districts Steyr and Kirchdorf)

Anzahl der Gemeindemitglieder

Number of Community Members

1858-50 Familien/Families

1866-80 Familien/Families

1870-391

1910-608

1932-1200

September 1938-ca. 800

Ende/End of 1939-35

Pogromnacht

Pogrom Night

Gebrannt

Burnt down

1945-heute

1945-today

1968 Errichtung einer neuen Synagoge

Erection of a new synagogue 1968

Bereits im Mittelalter bereisten sehr wahrscheinlich jüdische Händler Linz und das Land ob der Enns. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts liessen sich Juden in Linz nieder und richteten eine Synagoge im Haus Hahnengasse Nr. 6 ein. 1421 wurden im Rahmen der unter dem Namen Wiener Geserah bekannt gewordenen grauenvollen Judenverfolgungen in Wien und Umgebung alle Linzer Juden enteignet und ermordet oder des Landes verwiesen. Die ehemalige Synagoge wurde 1426 in eine Kapelle und später in ein Wohnhaus umgewandelt.

In den darauffolgenden Jahrhunderten hielten sich Juden in Linz aufgrund zahlreicher Ausweisungsbefehle nur zeitweise auf. Für die beiden grossen Jahrmärkte erhielten jüdische Händler spezielle Genehmigungen. 1798 erhielten sie die Erlaubnis, “unter gewissen Beschränkungen Gottesdienst zu halten” und richteten einen Betraum in der unteren Badgasse (wahrscheinlich Rathausgasse) ein.

Aus dem Jahr 1851 ist bekannt, dass Nathan Kohn, der Vorsteher der sich in Linz befindlichen Juden, um eine Genehmigung für die Gründung eines Betvereins und für die Eröffnung eines Betraums auch ausserhalb der Marktzeiten ansuchte. Obwohl                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            seine erste Bitte abgewiesen wurde, konnte die Gemeinde eine Betstube im ersten Stock des Hauses Adlergasse Nr. 10 einrichten. Ende der 1850er Jahre zogen viele Juden, überwiegend aus Südböhmen, nach Linz. Sie liessen sich hauptsächlich in der Altstadt, im Bereich der Lederer- und Badgasse sowie der Bethlehem-, Marien- und Hafner Strasse, nieder. 1861 adaptierte die stetig an Mitgliedern zunehmende jüdische Gemeinde ein gemietetes Werkstattgebäude in der Mariengasse 11 als Bethaus, das bis 1877 in Benutzung war. 1863 legte die jüdische Gemeinde einen Friedhof in Lustenau, einem Vorort der Stadt Linz, an, der heute noch besteht. 1870 konstituierte sich offiziell die “Israelitische Kultusgemeinde Linz”, dessen Mitglieder zahlreiche Vereine ins Leben riefen: den “Israelitischen Männerkrankenpflege- und Beerdigungsverein Chewra Kadischa” (1860), den “Israelitischen Frauenverein für Armen- und Krankenunterstützung” (1862), den “Verein für Armenbetheiligung” (1875), den “Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien” (1902), Zionistische Vereine (1906), die Ortsgruppe Linz des jüdischen Wanderbundes “Blau Weiss” (1911), das “Landeshilfskomitee für den Schutz jüdischer Soldaten” (1914), die “B’nai B’rith-Loge Ehrmann”, den Sängerbund “Frohsinn” sowie den jüdischen Pfadfinderbund “Brith Trumpeldor” (1933). Von 1919 an wurde in Linz die Zeitschrift “Jüdische Nachrichten” herausgegeben, die als Informationsblatt für die in den Alpenländern ansässigen Juden diente.

                       

                                               Bethaus in der Marienstrasse 1877

In den 1870er Jahren beschloss die wachsende jüdische Gemeinde, eine grosse Synagoge in Linz zu errichten. Mit der Hilfe des in Linz verstorbenen russischen Juden Isaak Segall konnte das nötige Budget zum Bau des Bethauses aufgebracht werden. Am 10. Mai 1877 weihte der Wiener Oberrabbiner Dr. Jellinek die neue Synagoge in der Bethlehemstrasse 26 ein. Das nach den Plänen des Architekten Ferdinand Scheck errichtete Gebäude zeichnete sich durch den romantischen Historismus aus. Die Synagoge in Kassel diente dem freistehenden dreischiffig angelegten Gebäude als Vorbild. Der jüdischen Gemeinde in Linz standen folgende Rabbiner vor: Dr. Wilhelm Stern (1862-1872), Dr. Abraham Salomon Frank (1873-1876), Dr. Adolf Kurrein (1876-1883) und Moritz Friedmann (1883-1923). Der letzte Rabbiner der Kultusgemeinde war Dr. Viktor Kurrein (1923-1938).

 1925

Nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland setzten in Linz Massenverhaftungen jüdischer Bürger ein. Viele wurden in Konzentrationslager, hauptsächlich nach Dachau, deportiert. Einige Juden begingen Selbstmord. Das Eigentum der Linzer Juden wurde enteignet. Die Nazis verboten den jüdischen Kindern den Schulbesuch, so dass diese von Mai bis November 1938 in einer jüdischen Schule in der Altstadt unterrichtet wurden. Im Juli 1938 wurde allen Juden befohlen, Linz innerhalb kürzester Frist zu verlassen. Einem Teil der jüdischen Gemeinde gelang die Ausreise in die USA sowie nach Grossbritanien, Südamerika und Palästina. Viele wurden nach Wien und von dort in die Konzentrationslager verschleppt.

 

Über die Ereignisse in der Pogromnacht zum 10. November 1938 berichtete 30 Jahre später Karl Löwy, Mitglied der jüdischen Gemeinde, dem die Flucht nach Palästina gelang:

“Ich war gerade von einem mehrmonatigen Aufenthalt in Dachau und Buchenwald, gegen Ausreiseverpflichtung zurückgekehrt. Nachdem man mir jedwedes Vermögen          abgepresst hatte, waren meine Frau und ein Sohn mit anderen jüdischen Familien in den engen Räumen des, vor dem Tempel liegenden, Gemeindehauses untergebracht. Etwa um 3 Uhr nachts weckte mich meine Frau. Lichtschein drang in unseren Schlafraum. Wir sahen, wie aus den Fenstern des Tempels die Flammen schlugen. Ein SA-Offizier mit einer Waffe in der Hand kam aus dem Gebäude. Die Thora-Rollen und Gebetbücher wurden herausgeschleppt und hingeworfen. Der in der Nachbarschaft wohnende Gewerbetreibende G. holte sich aus dem Vorraum des Tempels, in dem manche Requisiten verwahrt waren, einen Zylinderhut, einen Talith, nahm eine Thorarolle in den Arm und setzte sich damit auf die Stufen zum Eingang des Gotteshauses, indem er, sich wiegend, einen hebräischen Singsang imitierte. Das Gegröhle des angesammelten Pöbels dankte ihm für seine “humoristische” Vorstellung. Die Feuerwehr war anwesend, aber sie sorgte peinlich nur dafür, dass der Brand nicht auf die Häuser in der Nachbarschaft übergreife. Zu uns, die wir aufgewühlt und erschüttert die grausige Szene ansehen mussten, kamen SA-Männer, misshandelten uns und beschuldigten uns, dass wir Waffen versteckt hätten und, dass wir Juden den Tempel selbst in Brand gesteckt hätten.“ In der Pogromnacht wurden insgesamt 96 Linzer Juden verhaftet.

Die Synagoge brannte bis auf das Kellergewölbe völlig aus. Kultgegenstände, Gold- und Silbersachen sowie Archivmaterial und die Sparkassenbücher des Auswanderungsfonds wurden beschlagnahmt und der Staatspolizei Linz überstellt.

 

    

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten einige Juden nach Linz zurück und gründeten zusammen mit osteuropäischen Flüchtlingen eine neue Kultusgemeinde. 1968 konnte die vom Linzer Architekten Fritz Goffitzer gestaltete neue Synagoge eingeweiht werden, die auf dem Areal des ehemaligen Bethauses in der Bethlehemstrasse 26 errichtet wurde. In die Aussenmauer unter dem Thoraschrein wurde der unversehrt gebliebene Grundstein der ehemaligen Synagoge, der die Gründungsurkunde umschloss, als Erinnerungsmal eingefügt. Der Innenraum der Synagoge zeichnet sich durch surrealistische Reliefdarstellungen aus, die die 12 Stämme Israels symbolisieren.

 

Literatur:

-   Genée, Pierre, Synagogen in Österreich, Wien, 1992

-   Gold, Hugo, Geschichte der Juden in Österreich, Tel Aviv, 1971

-   G. Marckhgott, Fremde Mitbürger. Die Anfänge der israelitischen Kultusgemeinde Linz-Urfahr 1849-1877, Linz, 1984

-   Aigner, Manfred: Die Juden in Linz. David. Jüdische Kulturzeitschrift 6 (Wien 1994), 23, S. 5-12.  

-   http://www.ph-linz.at/LuF/be/synagoge/

-   Rosenkranz, Herbert, The Anschluß and the Tragedy of Austrian Jewry 1938-1945. In: The Jews of Austria (Hg. Josef Fraenkel. London: Vallentine Mitchell, 1967)

 

 

 

Summary in English: