Synagogen in Ostereich / Synagogues in Austria


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IKG Steyr

 

Bahnhofstrasse 5

 

um 1900

 

Eingeweiht

Inaugurated

1894

Letzter Rabbiner

Last Rabbi

Chajm Schmarja Nürnberger

Erste Erwähnung der Gemeinde

First Mention of the Community

1857

Politische Bezirke

Political Districts

Enns- und Steyrtal, Kirchdorf a.d. Krems

Anzahl der Gemeindemitglieder

Number of Community Members

1857-50

1897-202

1923-82

1934-78

Pogromnacht

Pogrom Night

nicht zerstört

not destroyed

Nach 1938

After 1938

Enteignet und von Privatperson bezogen

Expropriated

Heute

Today

Drogeriemarkt

Drug store

 

Im 13. Jahrhundert liessen sich die ersten Juden in Steyr nieder. 1310 wurde der Ort Judendorf bei Steyr erstmals urkundlich erwähnt. Im 14. Jahrhundert lebten in Steyr und Umgebung mehrere jüdische Familien, die hauptsächlich dem Geldhandel sowie dem Getreide- und Weingewerbe nachgingen. 1420/21 wurden alle steirischen Juden, wie die ganze oberösterreichische jüdische Bevölkerung, im Rahmen der Wiener Gesera vertrieben oder ermordet.

Im 18. und 19. Jahrhundert lebten Juden vereinzelt in Steyr. In der Mitte des 19. Jahrhunderts ließ sich wieder eine größere Anzahl von Juden, aus dem südböhmischen Raum kommend, in Steyr nieder. Sie richteten ihr Bethaus in dem Haus Steyerdorf 99 (heute Gleinkergasse 26) ein. Eine andere Quelle gibt jedoch an, dass sich das Bethaus sowie eine Schule in dem ´Gasthaus zum Grünen Baum´, Gleinkergasse 16 befunden haben soll. 1870 schloss sich die Gemeinde in den Israelitischen Kultusverein zusammen. Laut Statuten bestand der Zweck der Organisation in der Durchführung von gemeinsamen Gottesdiensten und dem Religionsunterricht der Jugend. Dafür sollte ein Bethaus und ein Unterrichtslokal eingerichtet sowie ein Vorbeter, Religionslehrer und Schächter eingestellt werden. 1873 beschloss die Gemeinde die Anlegung eines Friedhofes, der heute noch besteht, und gründete eine Chewra Kadischa. 1880 wurde Abraham Jäger als Religionslehrer eingestellt.

1892 konstituierte sich die Kultusgemeinde Steyr, die Abraham Jäger zum Matrikenführer ernannte. Jäger wurde von der Steyrer Stadtverwaltung als Rabbiner-Stellvertreter bestätigt. Im Februar 1894 übernahm das Amt des Rabbiners Ignaz Baum, der bereits im Oktober 1894 von Ignaz Schulhof abgelöst wurde. Da nach der Gründung einer eigenständigen Kultusgemeinde der Wunsch nach einer angemessenen Synagoge immer dringender wurde, kaufte die Gemeinde 1894 das Gebäude in der Bahnhofstrasse 5, ein zweistöckiges Eckhaus, und baute es in eine Synagoge um. Ein weiteres Bethaus befand sich in Bad Hall in der heutigen Römerstrasse 2 und war während der Badesaison von Mai bis September geöffnet.

1896 wurde Heinrich Schön als Gemeinderabbiner bestellt und fungierte auch als Religionslehrer. Er stand der Gemeinde bis zu seinem Tod 30 Jahre lang vor. 1926 stellte die Kultusgemeinde Rabbiner Chajm Schmarja Nürnberger ein, der hauptsächlich als Religionslehrer fungierte. Für die Liturgie war Dr. Samuel Nagelberg zuständig.

                                                

Anfang der Dreissiger Jahre wurden zwei jüdische Vereine gegründet: 1930 wurde der ´Jüdische Frauenverein´ ins Leben gerufen und es entstand der zionistische Jugendbund ´Brith Trumpeldor´. Diesem Verein, der vom Sohn des Rabbiners Nürnberger gegründet wurde, schlossen sich fast alle jüdischen Jugendlichen Steyrs an.

Nach dem “Anschluss” wurden auch in Steyr jüdische Geschäfte und Häuser enteignet. Die ersten Juden, darunter auch Chajm Nürnberger, wurden verhaftet. Im Juni 1938 richtete der Vorstand der Kultusgemeinde eine Auswanderungsfürsorge ein, die Juden bei ihrer Flucht aus Österreich unterstützten. Im August 1938 enteigneten die Nazis das Synagogengebäude. Die beiden Gesetzestafeln, welche oben an der Fassade angebracht waren, wurden abmontiert. Das profanisierte Gebäude wurde später von der Familie Pichler bezogen. Am 1. Oktober 1938 löste die Gestapo Linz die Kultusgemeinde Steyr auf.

In der Pogromnacht zum 10. November 1938 kam es auch in Steyr zu gewaltvollen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung. Der in Steyr geborene Dolf Uprimny, dem später die Flucht nach Eretz Israel gelang, berichtete über die Pogromnacht:

"Den Kampf gegen die Juden, den die Nazis führten, liessen uns auch unsere Hausparteien spüren. Der Sohn einer solchen Hauspartei drang in der Reichskristallnacht als SA-Mann in unsere Wohnung ein und fotografierte alles. Am Sparkassengebäude am Stadtplatz befand sich ein Schaukasten, in dem Fotos der demolierten Wohnungen und der Juden im Gefängnis ausgestellt waren. Meine Mutter wurde eingespeert, weil sie sich aufregte, was in unseren Wohnungen gemacht wurde. Sie wollte Selbstmord begehen, aber ein Polizist hinderte sie daran. Die Wohnungen der Juden wurden, oft auch mit Hilfe von Hausbewohnern, durchsucht und bestohlen. In der Reichskristallnacht wurden wir vom Wieserfeldplatz in den Wehrgraben getrieben und wieder hinauf zur Polizeikaserne und dort verhört. Meine Schwester wurde beim Verhör geschlagen. Dann kamen wir in die Berggasse ins Gefängnis. Ich kam mit meinem kleinen Bruder in die Zelle, wo auch ein 70 bis 80jähriger Jude aus Neuzeug namens Deutsch war. Die Zelle war voll von Juden. Der Gefängniswärter war sehr erregt, weil er alle kannte und auch Kinder ins Gefängnis kamen. Mein Bruder war erst sechs Jahre alt. Als er gefragt wurde, warum er im Gefängnis ist, sagte er, weil er Jude ist. Was ein Jude ist, antwortete er den SS-Leuten stolz, wüsste er. Auch Frauen waren eingespeert." (Vergessene Spuren, S. 158)

Viele Steyrer Juden, denen die Flucht aus Österreich nicht mehr gelang, wurden in die Konzentrationslager deportiert. Am 11. Dezember 1939 befanden sich im Landkreis Steyr laut einer Mitteilung des Reichsministers des Inneren keine Juden mehr.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Steyr ein DP-Lager eingerichtet, in dem auch ca. 2000 jüdische Flüchtlinge untergebracht waren. In diesem Lager entstand eine Kultusgemeinde, die sich 1949 der neugegründeten “Israelitischen Kultusgemeinde Linz” anschloss. Der jüdische Friedhof in Steyr wurde 1949 Teil der Kultusgemeinde Linz.

1950 wurde ein Rückstellungsverfahren des ehemaligen Synagogengebäudes an die Kultusgemeinde Linz als Rechtsnachfolgerin der Kultusgemeinde Steyr eingeleitet, in deren Verlauf die Familie Pichler das Gebäude rechtmässig kaufte. Am 8. November 1992 wurde an dem Haus eine Tafel zur Erinnerung an die Juden Steyrs und deren grausames Schicksal angebracht. 

Literatur:

-   Synagogen in Österreich, P. Genée, Wien, 1992

-   Österreichische Synagogen im Wandel der Zeit, P. Genée, DCIV-Vorträge

-   Vergessene Spuren- Neueste Forschungsergebnisse zur Geschichte der Juden in Steyr, K. Ramseier in David Nr. 39 (Dezember 1998)

-   Vergessene Spuren-Die Geschichte der Juden in Steyr, W. Neuhauser-Pfeiffer, K. Ramsmaier, Grünbach, 1998

 

 

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