Synagogen in Ostereich / Synagogues in Austria


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IKG Graz

 

Grieskai 58

 

   1892  

 

 

Erbaut

Built

1890-1892

Letzter Rabbiner

Last Rabbi

Prof. Dr. David Herzog

Erste Erwähnung der Gemeinde

First Mention of the Community

1862

Kompetenzbereich

Area of Competence

Steiermark

Styria

Anzahl der Gemeindemitglieder

Number of Community Members

Kultusgemeinde:

1869-250

1880-1200

1914-1500

1932-2420

März/March 1838-2000

Frühjahr/spring 1939-325

Pogromnacht

Pogrom Night

Niedergebrannt

Burnt down

Nach 1945

After 1945

Grünfläche

Lawn

Heute

Today

2000 Einweihung der neuen Synagoge

2000 Inauguration of the new Synagogue

 

In Graz existierte bereits im 13. und 14. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde, die eine Synagoge an der Stelle des heutigen Thonethofes besaß. Auch in den zur Steiermark gehörenden Orten Bruck an der Mur, Hartberg, Murau, Radkersburg und Voitsberg gab es im Mittelalter größere jüdische Gemeinden. Die Existenz eines Ortes mit dem Namen Judendorf in der Nähe von Graz und des Ortes Judenburg in der oberen Steiermark lässt vermuten, dass in dieser Zeit zahlreiche Juden in der Steiermark gelebt haben. 1496 wurden jedoch alle Juden aus der Steiermark vertrieben. Nach diesem Ausweisungsbefehl war ihnen das Niederlassungsrecht in der Steiermark bis zum Jahr 1848 verwehrt.

1862 erhielt die neue Grazer jüdische Gemeinde die Genehmigung, sich zum gemeinsamen Gebet zu treffen. Daraufhin fanden sich Gemeindemitglieder jeden Schabbat in verschiedenen Gasthäusern im Griesviertel zusammen. 1863 schlossen sich Grazer Juden zu der Israelitischen Kooperation zusammen und gründeten notwendige Gemeindeeinrichtungen wie Synagoge, Schule, Mikwe und Friedhof. Die Grazer Synagoge wurde zum jüdischen Neujahrsfest am 12.9.1865 in dem linken Seitenflügel des “Withalm Coliseums” am Zimmerplatz eingerichtet. Der Wiener Rabbiner Dr. Adolf Jellinek weihte die Synagoge ein. Das Bethaus, das Platz für 240 Personen bot, war bis 1892 in Benutzung. Im selben Jahr richtete die Gemeinde einen Friedhof in der Wetzelsdorfer Straße ein. 1869 konstituierte sich die “Israelitische Kultusgemeinde Graz”. 1894 entstanden zwei autonome Kultusinstitutionen in Leoben bzw. in Judenburg-Knittelfeld, die der IKG Graz unterstellt blieben. In Knittelfeld gab es eine kleine jüdische Gemeinde, die hauptsächlich aus Eisenbahnarbeitern und –angestellten bestand. In den 1870er und 1880er Jahren nahm die Kultusgemeinde rasch an Mitgliedern zu und Vereine entstanden. 1871 wurde eine Chewra Kadischa gegründet. 1881 konstituierte sich der karitative Israelitische Frauenverein. Ein Jahr später riefen Gemeindemitglieder den „Armenbeteiligungsverein Matnoth Anijim“ ins Leben. 1904 organisierte sich in Graz die jüdische Turnerschaft.

 1865

Für die wachsende Gemeinde wurde das Bethaus im Withalm Coliseums bald zu klein. Daraufhin beschloss man 1890, eine grosse Synagoge am Grieskai, am Ufer der Mur, zu bauen. Das imposante Bethaus, ein quadratischer Backsteinbau mit romanischen Stilelementen, wurde von dem Wiener Architekten Maximilian Katscher entworfen. Das Gebäude besaß eine Kuppel, die sich mit krönendem Davidsstern 30 Meter über dem Straßenniveau erhob. Südlich der Synagoge wurde das ebenfalls im romanischen Stil gehaltene Gemeindehaus errichtet, das auch die Israelitische Volksschule beherbergte. Im Erdgeschoss des Gemeindehauses befand sich der 214 Plätze umfassende “Winterbetsaal”. Am 14. September 1892, der Vortag des jüdischen Neujahrsfestes, fand die Einweihung der Synagoge statt, bei der auch der Kaiser Franz Josef anwesend war. Neben der grossen, liberal orientierten Synagoge wurde um die Jahrhundertwende auch ein orthodoxes Bethaus eingerichtet. Im Ersten Weltkrieg errichteten jüdische Flüchtlinge aus dem östlichen Teil des Habsburgerreiches (?) eine Holzsynagoge in der Gabelsbergerstraße. Als erster Rabbiner der Kultusgemeinde Graz wurde 1877 der aus Mähren stammende Dr. Samuel Mühsam gewählt, der bis zu seinem Tod 1907 im Amt blieb. Ihm folgte Prof. Dr. David Herzog, der die Gemeinde bis zu deren Zerstörung 1938 betreute.

 1925

In der von der Israelitischen Kultusgemeinde Graz betreuten Steiermark gab es Bethäuser in Leoben, Judenburg und Knittelfeld. Die jüdischen Gemeinden Leoben und Knittelfeld unterhielten auch eigene Friedhöfe. In Hetzendorf, einem Vorort von Judenburg, wurde in der Mitte des 19. Jh. ein jüdischer Friedhof eingerichtet. Während der Kursaison waren Bethäuser in Bad Aussee und Bad Gleichenberg in Benutzung. In Trautmannsdorf, einem Vorort von Bad Gleichenberg, befand sich auch ein jüdischer Friedhof.

In der Zwischenkriegszeit wurden zahlreiche jüdische Vereine ins Leben gerufen. 1923 formierte sich der Jüdische Gesangsverein. Ende der zwanziger Jahre wurde die 1897 gegründete Jüdische Akademische Verbindung Charitas reaktiviert und 1928 eine Bnei Brith-Loge gegründet, beides Vereine, die jüdisches Selbstbewusstsein hervorstrichen. 1933 konstituierte sich die Grazer Ortsgruppe des Bundes jüdischer Frontsoldaten. Besonders unter den Jugendlichen fanden zionistische Gruppierungen regen Zulauf. 1928 wurde der zionistisch-sozialistische Jüdische Pfadfinderbund Haschomer Hazair gegründet. Im Laufe der Dreissiger Jahre fanden die Veranstaltungen der überparteilichen Zionistischen Ortsgruppe immer mehr Zulauf. Die zionistische Pionierorganisation in Graz bereitete ihre Anhänger direkt auf ein Leben in Palästina vor; körperliche Arbeit, handwerkliche Ausbildung und Hebräisch-Sprachkurse standen im Mittelpunkt.

Der Zusammenschluss der Grazer Juden in eigenen Organisationen war auch Reaktion auf den Antisemitismus, der in der Steiermark immer weitere Kreise zog. Kurz vor dem Anschluss wurde die Mauer um den Grazer jüdischen Friedhof eingerissen, Gräber entweiht und die Zeremonienhalle in Brand gesteckt. Anlass für diese Zerstörung war ein Aufruf der jüdischen Organisationen an alle steirischen Juden, in der bevorstehenden Volksabstimmung für Schuschnigg zu wählen. Nachdem dieser Aufruf in die Hände der Nazis geraten war, verhafteten sie alle Mitglieder des Grazer Kultusgemeindeausschusses. Erst nach einem längeren Zeitraum wurden die Vorsitzenden freigelassen. Diejenigen, die nur die polnische Staatsbürgerschaft besaßen, wurden nach Polen abgeschoben.

Über die Ereignisse in der Pogromnacht zum 10. November 1938 und das Schicksal der steirischen Juden gibt uns ein 1946 von der Israelitischen Kultusgemeinde Graz verfasster Bericht Auskunft: “Im Laufe des Sommers 1938 trat eine weitere Verschärfung ein, indem die Juden systematisch aus ihren Wohnungen verdrängt wurden. Dennoch waren in Graz während der Zeit bis in die Nacht vom 9. auf 10. November keinerlei terroristischen Belästigungen individueller Natur zu verzeichnen. Erst in dieser Nacht sind die SA- und SS-Banden auf Befehl gegen die Juden vorgegangen. Sie zerrten sie aus den Betten, prügelten sie und trieben sie stundenlang in der Nacht, oft nur mit einem Nachthemd bekleidet, durch die Straßen von Graz. Der 70jährige Rabbiner Prof. Dr. Herzog, der ebenfalls aus dem Bett gerissen wurde, wurde in der Nacht fast unbekleidet auf den jüdischen Friedhof getrieben, woselbst die Zeremonienhalle bereits in hellen Flammen stand. Dort wurde ihm befohlen, sein eigenes Grab zu schaufeln, doch ließen die Rowdies nach einigen Stunden von ihm ab und gingen ihrer Wege, worauf er, mehr tot als lebendig, in seine Wohnung zurückwankte. Während der oben geschilderten Zeitspanne ist der Tempel und die jüdische Schule in der Griesgasse 58 angezündet und vollkommen ausgeraubt worden; am Friedhof wurden Grabsteine umgestürzt und Gräber geschändet. Die Juden aber wurden in allen Wohnungen geschlagen und die Möbel zertrümmert. Fast alle Männer wurden sodann ins Polizeigefängnis geschleppt [insgesamt wurden 350 Juden verhaftet] und am nächsten Tag mittels Sonderzug nach Dachau expediert. Nur ganz wenige, die ausserhalb Graz in die Wälder flüchten konnten, sind von den Torturen verschont geblieben. Später sind die meisten Juden aus Dachau wieder nach Graz zurückgeschickt worden, von denen dann ein größerer Teil allmählich auswandern konnte. Die in Graz noch verbliebenen Juden wurden später nach Wien umgesiedelt; die meisten von ihnen wurden später nach Theresienstadt und von dort in Vernichtungslager abtransportiert. Von den 2300 Juden, die es in der Steiermark gegeben hat, sind bisher 18 (!) steirische Juden zurückgekehrt. Die anderen aber, soweit sie nicht ausgewandert und sich nicht gemeldet haben, sind Opfer des Vernichtungsprozesses geworden.”

Einen genauen Bericht über die Zerstörung der Grazer Synagoge erhalten wir von einem Prozess am Landesgericht Graz aus dem Jahr 1947 gegen mehrere Täter wegen der Brandstiftung an der Synagoge. In diesem Prozess sagte der diensthabende Offizier der Grazer Feuerwehr Folgendes aus: „Bei der Begehung des Judentempels konnte ich sehen, daß bereits die Vorbereitungen zum Tempelbrand getroffen wurden und ich sah ganze Kolonnen von SA-Leuten, welche Balken und Bretter in der Tempel hineintrugen ... Im Tempel konnte ich sehen, daß bereits eine Unmenge von Holz zur Brandlegung bereit lag ... Nach der Begehung konnte ich bemerken, daß die Leute aus dem Tempel herausliefen, worauf ich die Alarmierung auf Großfeuer gab. Es rückten zwei Löschzüge aus, mit welchen ich die Sicherheitsmaßnahmen traf. Was ich sehen konnte, ist der Großteil der SA-Offiziere, welche ... bei der Besprechung waren, beim Judentempel erschienen ... Von den Persönlichkeiten habe ich beim Tempelbrand die Bürgermeister Dr. Kaspar, Dr. Verdino und Bürgermeister Seitz gesehen, die übrigen dort noch Anwesenden waren mir unbekannt. Den Auftraggeber Herrn N. habe ich dort auch gesehen, jedoch kann ich nicht sagen, wer mit der Führung des Brandes beim Judentempel betraut war.“

Der Branddirektor der Stadt Graz machte folgende Aussage über den Anblick, der sich ihm im Hauptraum der Synagoge bot: „Dabei sah ich, daß die Bänke zertrümmert und im Saale zu einem Haufen aufgeschichtet wurden. Zivilisten waren mit Gebetskleidern der Juden bekleidet, brüllten und eilten im Raume umher. Es hatte den Anblick eines Maskenballes. Ich verließ nun den Tempel ... Bald darauf ... sah ich im Judentempel und im Nebenhaus Feuerschein und Rauch. Anschließend ertönten die Auffahrtssignale der Feuerwehr, die von unbekannter Seite alarmiert wurde. Bürgermeister Kaspar gab mir gleichzeitig Befehl, die Feuerwehr dürfe nicht früher eingreifen als er dies anordnen werde. Ich stellte die Löschzüge in Bereitschaft und befahl die Unterführer zu mir. Bürgermeister Kaspar gab mir Befehl, ihm zu melden, wenn die Gefahr eintrete, daß der Brand auf die Wohnhäuser übergreife. Als dies eintrat, meldete ich dies ... Kaspar, der mir befahl, die Nachbarhäuser zu schützen, die Brandherde jedoch nicht zu bekämpfen ... Die Nachbarobjekte wurden auftragsgemäß geschützt, der Brand des Judentempels des Nebengebäudes wütete unbekämpft ...“

Die Grazer Synagoge wurde gesprengt und in Brand gesetzt. Sie brannte zwar aus, ein Teil des Mauerwerks blieb jedoch stehen und wurde später abgetragen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten ca. 30 Juden in die Steiermark zurück und gründeten eine Israelitische Kultusgemeinde, die neben der Steiermark seit 1950 das südliche Burgenland und seit 1955 Kärnten und Osttirol betreut. 1946 richtete die Gemeinde einen provisorischen Betraum in dem Gemeindehaus am Grieskai 58 in Graz ein, der 1969 umgebaut und in einen den Bedürfnissen der damaligen Gemeinde angemessenen Betsaal umgewandelt wurde. 1988 wurde ein Gedenkstein auf dem Areal der ehemaligen Synagoge aufgestellt. Im Jahr 2000 wurde eine neue Grazer Synagoge unter Verwendung erhalten gebliebener Ziegel der ehemaligen Synagoge am Grieskai auf dem gleichen Standort wiedererrichtet.

Literatur:

-   Genée, Pierre, Synagogen in Österreich, Wien, 1992

-   Schwarz, Moshe Karl, The Jews of Styria, in The Jews of Austria: Essays on their Life, History and Destruction, J. Fraenkel, London, 1967

-   D. A. Binder, ‘Das Schicksal der Grazer Juden 1938’ in Historisches Jahrbuch der Stadt Graz, Bd. 18/19, Graz, 1988

-   Gold, Hugo, Geschichte der Juden in Österreich, Tel Aviv, 1971

-   ‘Die israelitischen Kultusgemeinden Graz und Klagenfurt’, W. Wadl in 1000 Jahre Österreichisches Judentum, K. Lohrmann (Hrsg.), 1982

-   Kubinzky, Karl A., Graz im Wandel, Graz, 1987 

-   Sotill, W., Es gibt nur einen Gott und eine Menschheit, Graz/Wien/Köln, 2001

-   Rosenkranz, Herbert, The Anschluß and the Tragedy of Austrian Jewry 1938-1945. In: The Jews of Austria, Hrsg. Josef Fraenkel, London: Vallentine Mitchell, 1967

 

 

Summary in English: