Synagogen in Ostereich / Synagogues in Austria


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IKG St. Pölten

 

Schulpromenade, heute Dr. Karl Renner-Promenade

 

1913

 

Eröffnet

Inaugurated

1913

Letzte Rabbiner

Last Rabbis

Prof. Dr. Arnold Frankfurter, Manfred Papo

Erste Erwähnung der Gemeinde

First Mentioning of the Community

1850

Politische Bezirke

Political Districts

St. Pölten, Hietzing, Lilienfeld, Melk

Anzahl der Gemeindemitglieder

Number of Community Members

1934-310

1938-1603 (Kultusgemeinde)

Pogromnacht

Pogrom night

Verwüstet

Devastated

1938-1945

Lager für Zwangsarbeiter

 

1945-heute

1945-today

Renoviert

Renovated

Heute

Today

Kulturzentrum

Cultural Center

 

In St. Pölten siedelten sich Juden in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts an. 1306 wurde die jüdische Gemeinde des Hostienfrevels beschuldigt. Daraufhin wurde ein Grossteil der Gemeinde erschlagen und ihr Besitz beschlagnahmt. Juden liessen sich später wieder in St. Pölten nieder: Urkunden aus dem 17. Jahrhundert belegen die Ansiedlung jüdischer Einwohner.                                          

 

1850 gründete sich in St. Pölten eine jüdische Gemeinde, die ihre Gottesdienste anfangs in einem Betraum im Bereich der Gasser-Fabrik abhielt. Im Jahr 1863 konstituierte sich die ”Israelitische Kultusgemeinde St. Pölten“, die die zweitgrößte jüdische Gemeinde Niederösterreichs war. 1885 wandelte die Gemeinde ein Haus in der Schulpromenade (heute Dr. Karl Renner-Promenade) in eine Synagoge um. Die rege Gemeinde gründete einen Frauen- und einen Wohltätigkeitsverein. Die lokale Chewra Kadischa legte 1895 eine Begräbnisstätte auf dem städtischen Friedhof in der Karlstettnerstrasse an.

Da das Bethaus für die stetig wachsende Gemeinde bald zu klein wurde, beschloss der Gemeindevorstand, eine neue Synagoge neben dem bisherigen Bethaus an der Schulpromenade zu errichten. Die Synagoge, die 220 Männern und 150 Frauen Platz bot, wurde nach den Plänen der Architekten Theodor Schreier und Viktor Postlberg erbaut. Es entstand eines der beeindruckendsten jüdischen Bauwerke in Niederösterreich. Die künstlerische Selbständigkeit des sozial aufstrebenden Judentums in Österreich fand ihren Ausdruck in der außerordentlich modernen Formgebung und in den orientalischen Motiven und Schmuckelementen der Synagoge. Die klassizistische Fassade des Tempels wurde mit einer neo-barocken Zentralkuppel kombiniert. Das Oktogon der Fassade wurde mit einer Abbildung der Gesetzestafeln und dem Psalm 118, Vers 19 im hebräischen Original geschmückt: „Öffnet mir die Tore der Gerechtigkeit, ich will durch sie eintreten und Gott danken.“ Den St. Pöltener Juden war es beim Bau ihrer Synagoge ein Anliegen, der Verehrung für Kaiser Franz Joseph I. Ausdruck zu geben. Da die Errichtung einer Kaiserbüste im Inneren der Synagoge nicht möglich war, brachte man im Vorraum eine Huldigungstafel für den Kaiser an.

Als Rabbiner der Kultusgemeinde amtierten ab 1863 in Folge Dr. Moritz Tinter, Dr. Adolf Kurrein, Samuel Markus, Dr. Adolf Hahn, Dr. Jakob Reiss und Dr. Bernhard Zimmels. Von 1891 an betreute Rabbiner Dr. Leopold Weinsberg die Gemeinde. Um 1903 wurde ein Betsaal in Wilhelmsburg eingerichtet. Eine herausragende Rabbinerpersönlichkeit in der Zwischenkriegszeit war Dr. Adolf Schächter. Prof. Dr. Arnold Frankfurter und Manfred Papo waren die letzten Rabbiner der Kultusgemeinde vor deren Auflösung 1938.

In der Pogromnacht am 10. November 1938 versammelten sich St. Pöltener Bürger, Angehörige der SS sowie Zivilpersonen, vor der Synagoge. Sie zerschlugen die Türen, drangen in das Gebäude ein und zerstörten die Inneneinrichtung, die Fenster und den Luster. Der auf der Kuppel des Bethauses angebrachte Stern wurde abgebrochen und zertrümmert. Die Menschenmenge verbrannte unter Absingen vom Naziliedern Kultgegenstände und heilige Bücher. Ein im Jahr 1952 durchgeführter Gerichtsprozess erbrachte, dass ein SS-Offizier aus Krems die Anweisung erhalten hatte, St. Pöltener Angehörige der SS zu versammeln, um die Zerstörung der Synagoge planmäßig durchzuführen. Dennoch entging das Gebäude der völligen Zerstörung, da der Oberbürgermeister St. Pöltens das Haus für andere Zwecke nutzen wollte und es in die Verwahrung der Stadtverwaltung nahm.

Von 1942 an wurde die ehemalige Synagoge als Auffanglager für russische Zwangsarbeiter zweckentfremdet. Diejenigen Juden St. Pöltens, die sich nicht mehr rechtzeitig ins Ausland retten konnten, wurden in NS-Konzentrationslager deportiert. 1945 wurden der Dachstuhl und die Fassade der ehemaligen Synagoge durch Bombensplitter in Mitleidenschaft gezogen.

Die schweren baulichen Schäden der Synagoge wurden nach dem Krieg nur provisorisch ausgebessert. Ende der siebziger Jahre entschied man sich, die ehemalige Synagoge mit Geldern des Bundes, des Landes Niederösterreich, der Stadt St. Pöltens und der Israelitischen Kultusgemeinde Wien zu renovieren. Seit 1984 wird das Gebäude als Kulturzentrum genutzt und seit 1988 ist hier auch das „Institut für Geschichte der Juden in Österreich“ untergebracht.

 

                              

                               1984, nach der Renovierung

 

Literatur:

- Genée, Pierre, Synagogen in Österreich, Wien, 1992

- David, Jüdische Kulturzeitschrift in Österreich

- ‚Kunst und Kultur des österreichischen Judentums‘, Ausstellungskatalog zur Renovierung der ehemaligen Synagoge

- Lind, C., "Der letzte Jude hat den Tempel verlassen". Juden in Niederösterreich 1938-1945. Hg. vom Institut für die Geschichte der Juden in Österreich. Wien, 2004

 

 

 

 

 

 

 

Summary in English:

 

Jews settled in St. Pölten in the second half of the 13th century. In 1306, the town’s Jewish community was accused of host desecration (profane treatment of the communion bread used in Christian religious services).  Many members of the community were murdered and their property was confiscated. Nevertheless, Jews later returned to St. Pölten. Jewish settlement in the town is mentioned in documents from the 17th century. 

 

A Jewish community was reestablished in 1850. Initially, religious services were held in a prayer hall in the premises of the Gasser factory. In 1863, the Israelitische Kultusgemeinde St. Pölten (Jewish Congregation of St. Pölten) was officially founded. This was the second largest Jewish congregation in Lower Austria, and was very active within the Jewish community. A Jewish Ladies’ Committee and a charitable organization were founded, and the local chevra kadisha dedicated a Jewish burial ground inside the municipal cemetery. In or around 1903, a prayer hall was opened in nearby Wilhelmsburg.

 

A synagogue was built in St. Pölten next to the prayer house on the Schulpromenade (today Dr. Karl Renner-Promenade) but later became too small for the growing congregation. A new synagogue, which was inaugurated in 1913, had seating for 220 men and 150 women. This synagogue was one of the most impressive buildings in Lower Austria. Since it was forbidden to erect sculptures in the synagogue, a plaque in honor of Emperor Franz Joseph I was affixed in the building’s anteroom.

 

The following rabbis served the community in succession from 1863 onward: Dr. Moritz Tinter, Dr. Adolf Kurrein, Samuel Markus, Dr. Adolf Hahn, Dr. Jakob Reiss and Dr. Bernhard Zimmels. Dr. Leopold Weinsberg was appointed rabbi in 1891.  A prominent St. Pölten rabbi between the wars was Dr. Adolf Schächter. Prof. Dr. Arnold Frankfurter and Manfred Papo were the last rabbis to serve in the town before the destruction of the community in 1938.

 

On Pogrom Night, November 9/10, 1938, ordinary citizens of St. Pölten, members of the SS and others assembled in front of the synagogue. They then destroyed everything inside and burned ritual objects and holy books. At a trial in 1952, it transpired that an SS officer from Krems had received instructions to gather the St. Pölten SS members and systematically destroy the synagogue. However, they were not to completely demolish the building, because the mayor of the town wanted to use it for other purposes.

 

Beginning in 1942, the former synagogue was used as a reception center for Russian slave laborers.  Those Jews who had not managed to leave town in time were taken to the concentration camps. In 1945, the roof and facade of the former synagogue were damaged in an aerial bombing raid. At the end of the 1970s, the synagogue building was renovated and has been used as a cultural center since 1984. In 1988, the Institute for the History of the Jews in Austria took up residence in the building.