Synagogen in Ostereich / Synagogues in Austria


click on page to advance

Private Bethäuser auf dem Land

 

Erlach   (IKG Wiener Neustadt)

Bereits nach 1800 liessen sich Juden aus Kobersdorf, das damals Teil des Königreiches Ungarn war, in Erlach bei Wiener Neustadt nieder. 1837 kauften Simon und Sara Hacker das Grundstück Nr. 28 und richteten daraufhin ein Lebensmittelgeschäft und später einen Obsthandel ein. Ein Verwandter der Familie Hacker zog in das Haus Nr. 69 und eröffnete einen Weinhandel. Auf seinem Grundstück wurde 1895 oder 1896 eine Synagoge errichtet. Neben den Erlacher Juden fanden sich auch Juden aus den umliegenden Gemeinden Pitten, Lanzenkirchen, Walpersbach und Seebenstein jeden Schabbat und Feiertag zum Gottesdienst zusammen. In Erlach lebte auch der Schächter Susmann.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1938 wurden die jüdischen Bewohner Erlachs aus dem Ort vertrieben. Manchen gelang die Flucht ins Ausland. Wir wissen, dass einige jüdische Erlacher in den Konzentrationslagern umgebracht wurden. Das Schicksal vieler blieb jedoch ungeklärt.

1938 wurde der gesamte jüdische Besitz enteignet und der Gemeindeverwaltung übergeben. In dem Synagogengebäude wurden 1939/1940 polnische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter und von 1942 bis 1945 ukrainische und serbische Gefangene untergebracht. Die Gefangenen mussten in den landwirtschaftlichen Betrieben arbeiten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der jüdische Besitz seinen rechtmässigen Eigentümern rückgestellt. Die ehemalige Synagoge wurde in ein Wohnhaus umfunktioniert. In den 70er Jahren wurde das Gebäude abgerissen.

Literatur:

- Genée, Pierre, Synagogen in Österreich, Wien, 1992

- Heimatbuch Erlach

- C. Lind, "Der letzte Jude hat den Tempel verlassen". Juden in Niederösterreich 1938-1945. Hg. vom Institut für die Geschichte der Juden in Österreich. Wien, 2004

 

 

Summary in English:

 

In approximately 1837, a Jew named Simon Hacker erected his own synagogue in Erlach, near Wiener Neustadt. Here, Jews from Pitten, Lanzenkirchen, Walpersbach and Seebenstein held religious services on Saturdays and Holy Days.

In 1938, the Nazis expropriated Simon Hacker’s property. The former synagogue is today a residential building.

 

 

 

 

Krumbach  (IKG Neunkirchen)

In der Marktgemeinde Krumbach richtete die Familie Blum in ihrem Wohnhaus (Haus Nr. 14) eine private Synagoge ein. Mosche Blum errichtete zusammen mit seinem Vater Juda im Jahr 1870 einen Anbau zu seinem Haus, in dem sie die Synagoge einrichteten. Zu der Synagoge gehörte auch eine beheizbare Mikwe, eine Seltenheit für eine Privatsynagoge. Auch Juden aus umliegenden Nachbardörfern besuchten an den Feiertagen die Synagoge in Krumbach, die mit einem Aron Hakodesch, zwei Thorarollen, vier Thoramänteln, silbernen Kultgeräten und anderen Gegenständen sehr gut ausgestattet war. Auch ein Machsor aus dem Jahr 1752 war Bestandteil der Privatsynagoge.

    

1938                                                                    1938

Das Bethaus wurde in der Pogromnacht nicht zerstört. Nach dem Krieg wurde das gesamte Anwesen verkauft. Heute ist das Gemeindeamt Krumbach in dem Gebäude untergebracht.

Literatur:

-          Genée, Pierre, Synagogen in Österreich, Wien, 1992

-          Genée, Pierre, Die Landsynagogen im Burgenland und Niederösterreich in IDVIC-Vorträge, Nr. 44, Wien, November 1991

 

 

 

 

Summary in English:

The Blum family established a private synagogue in their home (No.14). In 1870, Moshe Blum and his father Juda built an annex onto their house and established a synagogue inside it. A heated mikvah (ritual bath)a rarity for a private synagogue – was included. Jews from neighboring villages frequented this fully equipped synagogue on Holy Days. A Machzor (prayer book for the high holidays) from the year 1752 belonged to the private synagogue. The synagogue was not destroyed on Pogrom Night. After World War II, the property was sold. Today, the building houses the municipal offices of Krumbach. 

 

 

Michelndorf   (IKG Tulln)

In der Stadt Michelndorf, am Rande des Tullner Felds, richtete die Familie Kolb, seit Generationen in Michelndorf ansässig, eine Privatsynagoge ein. Die Synagoge stand den jüdischen Familien, die in kleiner Anzahl in dem Dorf lebten, zur Verfügung. Der Betsaal existierte in dem Wohnsitz der Familie Kolb in Michelndorf 6 bis zu dem Jahr 1938.

Nach dem Zweiten Weltkrieg siedelten sich nur wenige Juden wieder in Michelndorf an. Max Kolb, dessen Familie von den Nazis umgebracht wurde, kehrte in das Dorf zurück und verstarb dort im Jahr 1988 als letzter in Michelndorf ansässiger Jude.

Literatur:

-          Genée, Pierre, Synagogen in Österreich, Wien, 1992

-          Genée, Pierre, Die Landsynagogen im Burgenland und Niederösterreich in IDVIC-Vorträge, Nr. 44, Wien, November 1991

 

 

Summary in English:

 

The Kolb family, several generations of which resided in Michelndorf, established a private synagogue for the use of a small number of Jewish families living in the village. The prayer hall existed until 1938.

Only a few Jews settled in Michelndorf after World War II. Max Kolb, whose whole family was annihilated by the Nazis, returned to the village. He died there in 1988 as the last Jewish resident of Michelndorf.