Synagogen in Ostereich / Synagogues in Austria


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IKG Baden bei Wien

 

Grabengasse 14

 

                     1938

 

Erbaut

Built

1873

Letzter Rabbiner

Last Rabbi

Dr. Hartwig Naftali Carlebach

Erste Erwähnung der Gemeinde

First Mention of the Community

1848

Gerichtsbezirke

Judicial Districts

Baden, Pottenstein, Stadt Gumpoldskirchen

Anzahl der Gemeindemitglieder

Number of Community Members

1878-80

1938-2401

1. April 1939-21 (offiziell/ official census)

Pogromnacht

Pogrom Night

Ausgeräumt und verwüstet

Devastated and its interior equipment removed

1938-1945

als Kinderheim und Flüchtlingsunterkunft zweckentfremdet

used as children’s home and refugee shelter

Nach 1945

After 1945

Übergabe an die IKG Wien

Handed over to the Vienna Jewish Community

Heute

Today

Renoviert und wiedereröffnet 2005

Renovated and re-opened in 2005

 

Baden bei Wien stellte um die Wende zum 20. Jahrhundert die größte Israelitische Kultusgemeinde Niederösterreichs und als solche einen kulturellen und gesellschaftlichen Treffpunkt jüdischen Lebens in der Region dar.

1780 erteilte der Rat der Stadt Baden den jüdischen Traiteuren (Besitzer von Grossküchen) Isaak Schischa und Abraham/Aaron Gellis die Erlaubnis, in den Sommermonaten in dem Kurort Baden ein koscheres Restaurant zu führen. In den Wintermonaten durften sie sich nicht in Baden aufhalten und kehrten in ihre Gemeinde Mattersdorf zurück.

1805 erhielt Isaak Schischa die Genehmigung, während des ganzen Jahres mit seiner Familie und Bediensteten in der Stadt zu wohnen. Er zog in das neugebaute Haus Bäckergasse 509 (heute Breyerstrasse) und sein Sohn Leopold Schischa richtete in dem Gebäude eine Betstube ein, die bis 1871 bestand. Leopold wurde 1845 von der Badener Stadtverwaltung zum offiziellen Übersetzer der hebräischen Sprache an den Stadtgerichten ernannt.

1819 zog die Familie Heinrich Herz, aus Deutschland stammend, nach Baden. 1820 erhielt Heinrich Herz die Erlaubnis, ein koscheres Restaurant zu eröffnen und war behördlich berechtigt, öffentliche Gebete abzuhalten. Das Restaurant und ein Betsaal befanden sich in der Neugasse (heute Franz Josef-Ring) und später im Haus Kaiserkrone. 1822 wurde der Familie Herz das Recht gewährt, sich in Baden niederzulassen. Der Sohn Leopold zog 1839 in das Haus Wassergasse 14, einem Anwesen des Michael Freiherr v. Arnsteiner, und richtete dort einen Betsaal für 258 Menschen und ein koscheres Restaurant ein. 1849 erwarb er das Anwesen und war somit der erste Jude in Baden, dem der Ankauf von Haus und Grundstück bewilligt wurde. Der Betsaal in der Wassergasse fungierte bis 1938 als Bet Hamidrasch, welcher nach streng orthodoxem Ritus geführt wurde.

In den Fünfziger und Sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts zogen weitere jüdische Familien nach Baden und eröffneten Geschäfte. Die Familien Schischa und Herz hielten sich gemeinsam einen Lehrer für den Religionsunterricht ihrer Kinder.

1868 gründete die jüdische Gemeinde den Israelitischen Krankenunterstützungsverein (Bikur Cholim) mit 23 Mitgliedern. 1870 erwarb er das Grundstück Grabengasse 14 für die Errichtung des ersten öffentlichen Bethauses. Bei seiner Einweihung im Jahr 1871 organisierte der berühmte Wiener Kantor Salomon Sulzer die musikalischen Beiträge. Schon zwei Jahre später, 1873, begann der 1871 gegründete Israelitische Kultusverein hinter dem Bethaus den Neubau einer grossen Synagoge, die nach ihrer Fertigstellung Platz für 517 Menschen bot. Die neue Synagoge wurde im spätklassizistischen Stil erbaut. Sie ist von aussen ein einfacher Kubus mit dekorativen Elementen, im Inneren ein zweigeschossiger Raum mit seitlichen Galerien, die durch sechs gusseiserne Säulen abgestützt werden. Die Bima war von einem gusseisernen Gitter umgeben und befand sich um eine Stufe erhöht in der Mitte des Betraumes. Der Aron haKodesch nahm die Mitte der Vorderwand ein. Das bereits 1871 errichtete Bethaus in der Grabengasse 14 wurde weiterhin genutzt von der Kultusgemeinde Baden sowie für den Religionsunterricht. Weitere Betsaäle befanden sich in der Lungenheilanstalt Alland und in dem 1921 eröffneten jüdischen Waisenhaus des Kriegwaisenfonds der Agudat Israel in der Germergasse 48. 1911 erwarb der Israelitische Bethausverein Vöslau, der der Kultusgemeinde Baden angeschlossen war, ein Gebäude in der Prümergasse 3 und baute es zu einem Bethaus um. Auch in Berndorf, das zu der IKG Baden gehörte, wurde ein Bethaus eröffnet.

Die Israelitische Kultusgemeinde Baden, die sich offiziell 1878 konsituierte, stand an der Spitze eines blühenden Gemeindelebens. Zahlreiche Gemeindeeinrichtungen und -institutionen wurden gegründet. Der Friedhof der Kultusgemeinde Baden wurde 1873 im Süden des städtischen Friedhofs in der Dammgasse eingerichtet. Gemeindemitglieder gründeten eine Chewra Kadischa (1874) und einen Frauenverein. Die Wiener Chewra Kadischa unterhielt in der Braitnerstrasse 23 ein Altersheim. 1894 erwarb die Kultusgemeinde das Grundstück Grabengasse 12 und richtete Büros und Wohnungen für Mitarbeiter ein. Als während des Ersten Weltkrieges viele jüdische Flüchtlinge aus Galizien auch nach Baden gelangten, richtete die Gemeinde in dem Haus Grabengasse 12 einen Beth Hamidrasch nach polnischem Ritus ein. Zwischen 1904 und 1906 wurde auf dem jüdischen Friedhof nach den Plänen des Wiener Baurates Wilhelm Stiassny eine grosse Zeremonienhalle erbaut. 1923 erwarb die Kultusgemeinde das Haus  Vöslauerstrasse 31 und richtete eine Mikwe in dem Gebäude ein. Weiterhin gab es für die Juden Badens und Umgebung einige koschere Restaurants und Koscherfleischgeschäfte in der Stadt. In Bad Vöslau wurde ein israelitisches Ferienheim eröffnet.

 1938

Von 1880 an stand Oberrabbiner Wilhelm Reich der Kultusgemeinde in seinem Amt fast fünfzig Jahre vor. Nach seinem Tod 1929 leitete Oberrabbiner Dr. Hartwig Naftali Carlebach die Gemeinde bis zu deren Zerstörung 1938. Die rabbinischen Funktionen in dem Bethaus Wassergasse 14 übernahm 1880 Wolf Kohn. Nach dem Tod des Rabbiners 1913 wurde sein Schwiegersohn Schlomo Friedmann aus Deutschkreutz Rabbinatsassesor (Dajan).  

Die im März 1938 in Österreich an die Macht gelangten Nationalsozialisten zerstörten das jüdische kulturelle Leben. Die Kultusgemeinde Baden konnte sich hauptsächlich nur noch darum kümmern, Gemeindemitgliedern Möglichkeiten zu Umschulungen anzubieten, um ihre Chancen zur Auswanderung zu begünstigen. Daneben half sie Gemeindemitgliedern mit der Übersiedlung nach Wien.

In der Pogromnacht am 10. November 1938 wurde das Bet Hamidrasch in der Wassergasse 14, seit 1881 im Besitz der Familie Deutsch, zerstört. Die Zeremonienhalle am Friedhof wurde auf Befehl Rudolf Scheers, Mitglied der SS, gesprengt. Die große Synagoge in der Grabengasse wurde ausgeräumt und verwüstet. Die Nationalsozialisten brannten das Gebäude nicht nieder, da sie befürchteten, dass das Feuer auf das angrenzende Gebäude der städtischen Feuerwehr übergreifen würde. Nach dem Novemberpogrom wurde die Synagoge von der Stadtgemeinde Baden enteignet, profaniert und als Kinderheim und später als Unterkunft für sudetendeutsche Flüchtlinge zweckentfremdet. 1940 ließen die Nationalsozialisten eine Geschossdecke in den Betraum der ehemaligen Synagoge einziehen, die das Gebäude bis heute in zwei Stockwerke teilt.

1940 wurde die Kultusgemeinde Baden aufgelöst. Die Mitglieder, die nicht mehr aus Österreich fliehen konnten, wurden in die Konzentrationslager verschleppt.

Im Zuge der Rückstellungsverfahren jüdischen Eigentums nach dem Zweiten  Weltkrieg wurden im Jahr 1952 die Gebäude in der Grabengasse 12-14 sowie der Friedhof der Wiener Kultusgemeinde als Rechtsnachfolgerin der Badener Kultusgemeinde übergeben. Die kleine jüdische Gemeinde, die sich nach dem Krieg in Baden erneut konstituierte, richtete 1963 einen provisorischen Betsaal in der ehemaligen Religionsschule, Grabengasse 12 ein, der 1999 renoviert und bis zum April 2004 benutzt wurde.

 Bethaus Grabengasse 12 im Jahr 2000

Als ein Abriss der ehemaligen grossen Synagoge erwogen wurde, setzte sich die jüdische Gemeinde für die Renovierung der Synagoge ein. Im Oktober 2002 konnte schliesslich beschlossen werden, die ehemalige große Synagoge Grabengasse 14 mit öffentlichen Mitteln zu sanieren. Die feierliche Wiedereröffnung fand am 15. September 2005 statt.

 Die renovierte Badener Synagoge 2005

Literatur:

- Genée, Pierre, Synagogen in Österreich, Wien, 1992

- David, Jüdische Kulturzeitschrift in Österreich

- Zeitungsartikel „ Heruntergekommene Kiste“, S. Radax-Ziegler in Badener Wochenpresse vom 3.6.1988

- Schärf, Thomas, Die Badener Gründerzeit Synagoge, Baden, 1988

- „Bethauseröffnung mit Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg“, W. Freidl in Badener Zeitung, 1. Juli 1999, Seite 11

- Encyclopedia Judaica

- www.juedischegemeinde.at (homepage der jüd. Gemeinde Badens)

- Die Gemeinde

- C. Lind, "Der letzte Jude hat den Tempel verlassen". Juden in Niederösterreich 1938-1945. Hg. vom Institut für die Geschichte der Juden in Österreich. Wien, 2004

- Persönlicher Bericht von Anton Schneider, ehemaliges Mitglied der IKG Baden (unveröffentlicht)

 

 

Summary in English:

 

At the turn of the 20th century, Baden bei Wien was home to the largest official Jewish community in southern Austria and served as the cultural and social center of Jewish life for the whole region.

 

In 1820, Heinrich Herz received permission to establish a prayer hall and a kosher restaurant in the Neugasse (now known as Franz Josef-Ring). Records from 1822 mention Herz as the first Jew permitted to settle in Baden. In 1939, Herz’s son, Leopold, moved into to the building at 14, Wassergasse, a property owned by the Freiherr (baron) von Arnsteiner. A prayer hall with seating for 258 persons and a kosher restaurant were established in this building. In 1849, Leopold Herz purchased the premises and thus became the first Jew in Baden permitted to acquire real estate. The prayer hall on the Wassergasse continued to serve until 1938 as a Beit Midrash (study hall), in which the strictly orthodox style of worship was followed.

 

In 1868, Baden’s Jewish community founded a Bikur Cholim (a society for caring for the sick) and, in 1870, the plot at 14, Grabengasse was purchased as a site for the community’s first purpose-built house of prayer. The renowned Viennese cantor, Salomon Sulzer, took part in the prayer house’s dedication ceremony in 1871. The Jewish Kultusverein (congregation) was officially established in that year. Two years later, in 1873, building commenced, at the rear of the prayer hall, of a large synagogue in neo-classical style, which would accommodate 517 worshippers. The community continued to use the prayer house at the front of the site for religious instruction. Other prayer halls were established by the Alland sanitorium and by the orphanage run by the Fund for Jewish War Orphans, founded by Agudat Yisrael in 1921.

 

In 1911, the neighbouring community of Vöslau, affiliated to that of Baden, also acquired a building and rebuilt it as a prayer hall.

 

Baden’s Jewish community was officially founded in 1878 and embodied a flourishing communal life. Many facilities and institutions were founded and, in also in 1878, the southern section of the municipal cemetery on Dammgasse was allocated to the Jewish community. A chevra kadisha (burial society) and a Jewish ladies’ association had been founded in 1874. The Viennese chevra kadisha ran a home for the elderly at 12, Braitenstraße. In 1894, the community purchased the neighbouring site at 12, Grabengasse, which was being used for communal offices and living quarters for officials. The influx of Jewish refugees from Galicia during World War I had necessitated the provision on this site of a Beit Midrash, in which services were conducted according to the Polish tradition.

 

A funeral hall designed by a professional architect was built in the Jewish cemetery at some point between 1904 and 1906. In 1923, the building at 31, Vöslauerstraße was bought and a mikvah (ritual bath) was built on the premises. The Jewish residents of Baden and the surrounding districts had at their disposal several kosher restaurants and butcher shops in the town. A Jewish vacation home was opened in nearby Bad Vöslau.

 

Chief Rabbi Wilhelm Reich served the Baden community for almost 50 years, beginning in 1880. After his death in 1929, Chief Rabbi Dr. Hartwig Naftali Carlebach led the community until its destruction in 1938. Rabbi Wolf Kohn was appointed in 1880 to perform rabbinical duties in the Beit Midrash on Wassergasse, when he died in 1913, his son-in-law, Shlomo Friedman from the town of Deutschkreutz was appointed dayan (rabbinate administrator).

 

The rise to power in March 1938 of Hitler’s Nazi Party destroyed Jewish cultural life. From that moment on, the Baden community could concentrate only on helping its members to leave. Many Baden Jews were in fact given assistance in moving to Vienna.

On Pogrom Night, November 9/10, 1938, the Beit Midrash, which had been in the possession of the Deutsch family since 1881, was destroyed. The funeral hall in the cemetery was blown up on the orders of SS man Rudolf Scheers. The large synagogue in Grabengasse was emptied and then wrecked. The building was not burned down for fear that a blaze might spread to the neighboring municipal fire station.

The synagogue building was then taken over by the municipality and used for secular purposes, initially as a children’s home and later as a shelter for refugees from southern Germany. In 1940, the Nazis converted the building into a shooting gallery. They divided it into two floors, as it remains today. The Jewish community, meanwhile, was disbanded and all its members who had been unable to leave Austria were taken to concentration camps.

 

In 1952 the buildings at 12-14 Grabengasse and the Jewish cemetery were handed over to Kultusgemeinde (Jewish congregation) of Vienna, which was the legal heir of all property belonging to the former Baden community. A small community of Jews settled in Baden and established a provisional prayer hall in 1963 in the classrooms which had been used for religious tuition, at 12, Grabengasse. The prayer hall was renovated in 1999.  

Later, as plans to demolish the former large synagogue in Grabengasse 14 were being considered, the Jewish community set about renovating the building and establishing a prayer hall there. In October 2002, the decision was made to restore the large synagogue itself, which was reopened in September 2005.