Synagogen in Ostereich / Synagogues in Austria


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Erwin A. Schmidl

 

Jüdische Soldaten und Synagogen in der k. (u.) k. Armee

 

Wie in anderen europäischen Staaten auch galten Juden in Österreich bis ins 18. Jahrhundert nicht als wehrwürdig und durften nicht ins Militär eintreten. Das änderte sich erst im Zeichen der Aufklärung: Österreich war der erste europäische Staat, in dem Juden bereits 1788 in die k.k. Armee „konskribiert“ wurden. Die „Konskription“ trat im 18. Jahrhundert an die Stelle der freien Werbung und bedeutete als Vorform der allgemeinen Wehrpflicht die Stellung einer bestimmten Anzahl von Personen einer Gemeinde zum Militär, in einer Zeit, wo der Dienst im Militär de facto lebenslänglich war. Zunächst wurden Juden nur zum Fuhrwesen (dem „Train“) einberufen, das vielen als weniger vornehm galt als die kämpfende Truppe, doch schon ab 1789 konnten Juden – zunächst freiwillig – auch in der Infanterie dienen. In den Napoleonischen Kriegen fielen diese Einschränkungen (wie auch die lebenslange Dienstzeit), und Juden dienten in allen Waffengattungen. Statistische Angaben liegen erst für das Ende des 19. Jahrhunderts vor: die Mehrzahl der Juden (ca. 70%) diente in der kämpfenden Truppe, vor allem in der Infanterie. Der prozentuelle Anteil jüdischer Soldaten im Train war nur geringfügig höher als in der Infanterie – was den oft kolportierten Legenden widerspricht, dass Juden vorwiegend beim Fuhrwesen oder in der Sanität dienten.

Die Reaktionen der jüdischen Gemeinden auf die Einziehung der Juden zum Militär waren übrigens durchaus unterschiedlich. Während die orthodoxen Gemeinden im Osten darin die Gefahr erblickten, dass viele junge Juden ihrem Milieu entrissen würden, begrüßten die aufgeklärteren Juden im Westen diese Maßnahme als wesentlichen Schritt hin zur rechtlichen Gleichstellung. Die Übernahme bürgerlicher Pflichten sollte auch zur Gewährung bürgerlicher Rechte führen.

                  

Mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht 1868 stieg die Zahl jüdischer Soldaten und näherte sich um 1900 mit bis zu 3,9% dem allgemeinen Bevölkerungsanteil (über 4%). Im Ersten Weltkrieg dienten dann – genaue Zahlen fehlen – etwa 300 000 Soldaten in der k.u.k. Wehrmacht, rund 3% der insgesamt über neun Millionen Mann, die 1914 bis 1918 mobilgemacht worden waren.

 

Jüdische Offiziere

Während 1788 und in den ersten Jahren danach die Frage, ob Juden Offiziere (und damit auch Vorgesetzte christlicher Soldaten!) werden konnten, noch kategorisch verneint wurde, änderte sich das bald: um 1808 wurden erstmals Juden zu Offizieren ernannt. Auch die jüdischen Offiziere dienten übrigens überwiegend in der kämpfenden Truppe, nicht nur beim Train oder bei der Sanität. Der jüdische Anteil bei den Militärärzten war zwar höher als bei den übrigen Waffengattungen (bis zu 8% der aktiven und 20% der Reserve), rechtfertigt aber keineswegs das – von Roth bis Czokor – beständige literarische Bild vom typischen jüdischen Militärarzt.

Für die Jahre um 1900 liegen genauere statistische Angaben vor. Damals betrug der Anteil von Offizieren jüdischer Religion (in diesen Übersichten wurde generell nur die Religion erfasst) unter den Berufsoffzieren rund 1%, während er unter den Reserveoffizieren an die 18% erreichte. Im Klartext: jeder fünfte k.u.k. Reserveoffizier war Jude! Das entspricht etwa dem Anteil der Juden an den Maturanten und Studenten, belegt aber auch eindrucksvoll den Unterschied zum Deutschen Reich. In Preußen wurde zwischen 1885 und 1914 kein einziger Reserveleutnant ernannt – bei angeblich 30 000 jüdischen Offiziersanwärtern.

Juden erreichten auch Generalsrang: soweit das aus den Akten erschließbar ist, gab es im Bereich der kämpfenden Truppe fünf (ungetaufte!) jüdische Generalmajore (drei davon im Ersten Weltkrieg); Eduard Ritter von Schweitzer (1844-1920) wurde bei seiner Versetzung in den Ruhestand (1908) sogar Feldmarschall-Leutnant (= Zwei-Sterne-General). Dazu kamen noch einige jüdische Militärärzte und Militärbeamte.

 

Zwischen Diskriminierung und Akzeptanz

Die in Memoiren oft betonte Nichtdiskriminierung von Juden im Militär wird durch die Quellen bestätigt, obwohl es durchaus auch Ausnahmen gab. Aber das Selbstverständnis der k. (u.) k. Armee war – im Vielvölkerstaat der Habsburger – eben kein nationales bzw. nationalistisches wie in anderen Staaten, sondern ein dynastisches. Die Loyalität der Armee und ihrer Offiziere galt dem Reich, dem Monarchen, der Dynastie. Die an den Universitäten propagierten „nationalen“ Ideen (auch die deutsch-nationalen!) waren den Offizieren ein Gräuel – und dementsprechend die Armee ein Feindbild vieler „nationaler“ Studenten.

Außerdem konnte im Militär einer etwaigen Diskriminierung notfalls auf dem Befehlsweg begegnet werden – was durch mehrere Beispiele belegt ist. Jüdische Unteroffiziere galten wegen ihrer Sprachkenntnisse und generell „höheren Bildungsfähigkeit“ sogar als besonders geschätzt. Nicht, dass die k.u.k. Armee besonders „judenfreundlich“ gewesen wäre – aber jüdische Soldaten wurden eben als Soldaten, die des Kaisers Rock trugen, akzeptiert.

Es wäre unvollständig, nicht auch die Probleme anzusprechen, die sich etwa bei Fragen wie dem Dienst am Sabbat oder der koscheren Verpflegung stellten. Es ist schwer, hier allgemein gültige Aussagen zu treffen – im Allgemeinen sollten jüdische Soldaten an Samstagen ähnlich behandelt werden wie christliche an Sonntagen. Eine Ablöse der Verpflegung (um selbst koschere Speisen zu kaufen) war in der Regel nur an Feiertagen möglich. In der Praxis hing es stark vom Verständnis der jeweiligen Kommandanten ab, wie jüdische Soldaten ihren Wehrdienst erlebten.

 

Synagogen und Feldrabbiner

In dieses doch weitgehend „tolerante“ Bild passt es auch, dass die k.u.k. Armee nicht nur danach trachtete, jüdischen Soldaten – wo möglich – den Besuch der örtlichen Synagoge am Sabbat zu ermöglichen: immer wieder wurden auch in Kasernen eigene jüdische Gebetsräume eingerichtet, wenn die Zahl der jüdischen Soldaten einer Einheit dies rechtfertigte. In ähnlicher Weise gab es Beträume für moslemische Soldaten in den bosnisch-herzegowinischen Truppen. Aus dem Ersten Weltkrieg gibt es Photos aus der Wiener Roßauer und anderen Kasernen, die diese kleinen Synagogen zeigen. Gelegentlich wurden im Krieg auch feldmäßige Synagogen (aus Holz) nahe der Front errichtet, falls es in der nächsten Stadt nicht ohnedies eine Synagoge gab.

Ebenfalls im Ersten Weltkrieg wurden auch Feldrabbiner zur Betreuung der jüdischen Soldaten eingesetzt. Der erste Feldrabbiner (der Reserve) war bereits 1875 ernannt worden. 1914 gab es zehn Feldrabbiner – und 1918 nicht weniger als 76! Auch dies ist ein Indiz für die Rolle der jüdischen Soldaten im österreichisch-ungarischen Heer. Üblicherweise waren Feldrabbiner den Korps und Armeen zugeteilt und bemühten sich um die Bedürfnisse der jüdischen Soldaten. Außerdem waren sie bemüht, die militärischen Leistungen ihrer Schützlinge bekannt zu machen, in einer Zeit, da Juden vielfach – und fälschlich – als „Drückeberger“ verunglimpft wurden, die sich vor dem Dienst an der Front fürchteten.

 

Feldrabbiner Dr. Majer Samuel

 

Die Zeit nach 1918

Im kleinen Bundesheer der Ersten Republik dienten nur wenige Juden. Beim „Anschluss“ 1938 wurden auch sie aus der Wehrmacht entfernt. Der Rassenwahn der Nationalsozialisten machte auch vor hoch dekorierten und schwerverwundeten Soldaten und Offizieren nicht halt; zahlreiche Veteranen des Ersten Weltkriegs wurden im Holocaust ermordet.

Im Bundesheer der Zweiten Republik gab und gibt es, wie in Österreich überhaupt, nur wenige Juden.

 

 

Dr. habil. Erwin A. Schmidl ist Historiker, Leiter des Fachbereichs Zeitgeschichte an der Landesverteidigungsakademie Wien und Dozent für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Universität Innsbruck.