Der
mysteriöse Mord an Ernst vom Rath
– Vorwand für die Pogromnacht
Die
Vorbereitungen der Nationalsozialisten 1938 zeigen, dass ein noch radikaleres
Vorgehen gegen die Juden unmittelbar geplant war. Das Attentat gegen Ernst vom
Rath passte somit genau ins Konzept und war auch im Sinne der involvierten
Akteure. Verschiedene Unstimmigkeiten beim Ablauf des Attentats lassen Zweifel
an der Goebbelschen Version der Ereignisse aufkommen, die dennoch in der
Geschichtswissenschaft vorherrscht. Hatten die Nazis gar selbst die Finger im
Spiel?
Die Vorkommnisse rund um den 9. November 1938, die
als "Reichskristallnacht" in die Geschichte eingegangen sind,
bildeten einen Wendepunkt in der Nationalsozialistischen Judenpolitik. Die
Brutalität dieses Pogroms, das Ausmaß und die konsequente
Durchführung machte den noch in Deutschland lebenden Juden deutlich, das
Land schnellstens zu verlassen. Angesichts dieser außergewöhnlichen
historischen Stellung der Ereignisse in der ersten Novemberhälfte
verwundert der Umgang mit ihnen nach 1945 umso mehr. Nicht nur, dass jahrelang
die Zahl der Todesopfer, der zerstörten Synagogen und der
geplünderten jüdischen Geschäfte getreulich von den Angaben der
Nazi-Führung abgeschrieben wurden, auch beim Attentat Herschel Grynszpans auf den
Angestellten der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, folgt man im
Großen und Ganzen der Propaganda-Version eines Joseph Goebbels. Angesichts
solch erfolgreicher Inszenierungen wie dem Reichstagsbrand oder dem angeblichen
Angriff auf Gleiwitz lohnt sich also auch hier ein genauerer Blick auf die
Ereignisse vor dem 9. November 1938.
Schicksalsjahr 1938
Was spätestens seit einer
Konferenz von 1936 Teil der Strategie des Deutschen Reichs war, sollte 1938 endgültig umgesetzt werden: Die
gleichzeitige wirtschaftliche Enteignung und die Vertreibung der Juden aus
Deutschland. Anfang des Jahres war die Situation der Juden bereits sehr ernst,
60-70% der Betriebe waren 'arisiert', die Arbeitslosigkeit hatte sich innerhalb
weniger Monate verdoppelt. Gleichzeitig waren die letzten Konservativen im
Februar 38 aus der Regierung entfernt worden, so dass die 'Judenfrage' nun
entschlossener angegangen werden konnte. Im Laufe des sogenannten
"Schicksalsjahres" 1938 ergingen eine Reihe von Maßnahmen, die
die Novemberpogrome nur als einen vorläufigen Höhepunkt einer
katastrophalen Entwicklung erscheinen lassen.
Bereits im April
erließ Göring die "Verordnung gegen die Unterstützung der
Tarnung jüdischer Gewerbebetriebe", die eine Kennzeichnung
jüdischer Betriebe und Geschäfte vorschrieb und somit den
"Auftakt zur grundsätzlichen Lösung der Judenfrage in der
Wirtschaft" (Salzburger Zeitung) bildete. Wenig später, am 26. April,
war es wieder Göring, der als Beauftragter für den 4-Jahres-Plan
gemeinsam mit dem Innenministerium die "Verordnung über die Anmeldung
des Vermögens von Juden" erließ – die genaue Registrierung des
Besitzes der noch in Deutschland lebenden Juden war damit in die Wege geleitet. Letztere Verordnung wurde dann in aller Eile
umgesetzt: Im August wurden die beteiligten Stellen – immerhin die
Finanzämter, die Sicherheitspolizei, die Gestapo, die Handelskammern und
die Gauwirtschaftsberater – nochmals zur Eile gemahnt: Die
Vermögenserfassung müsse unbedingt, notfalls durch die Einstellung
zusätzlicher Kräfte, bis zum 30.09. abgeschlossen sein. Man wollte
genau wissen, wieviel Besitz sich noch in Händen der jüdischen Bürgerinnen
und Bürger befand. Paralell dazu wurde auch die rechtliche Ausgrenzung
weiter forciert, immer mehr Berufe wurden Juden verboten, ein "J"
wurde in den Pass gestempelt, vermeintlich jüdische Namen mussten
angenommen werden, der Ausweis durch eine Kennkarte ersetzt.
Zu diesen
innenpolitischen Maßnahmen kamen im Laufe des Jahres 1938 auch eine
aggressivere Außenpolitik hinzu, die zudem auf keinen nennenswerten
Widerstand der Nachbarländer stieß. So wurde sowohl der Anschluss Österreichs
mehr oder weniger stillschweigend hingenommen – auch, als dort direkt
judenfeindliche Aktionen in bis dato noch nicht gekanntem Ausmaß begannen
– und auch die Einverleibung des Sudetenlandes wurde auf der Münchner
Konferenz im September 38 bewilligt. Damit nicht genug: Auf einer Konferenz in
Evian im Juli zeigte sich kein Land bereit, jüdische Flüchtlinge aus
Deutschland aufzunehmen, der „Völkische Beobachter“ titelte leider
zurecht: „Niemand will sie“. Ende Oktober 1938 fand dann die bis zu diesem
Zeitpunkt größte Vertreibungsaktion von Juden aus Deutschland statt:
Nachdem die polnische Regierung Juden, die seit 5 Jahren im Ausland leben, den
polnischen Pass entziehen wollte (was 50 000 Menschen im damaligen Deutschland
betroffen hätte), wurde die Gestapo damit beauftragt, innerhalb von 14
Tagen die betroffenen Personen abzuschieben, bevor diese staatenlos und somit
nicht mehr abschiebbar würden. Im Laufe dieser Aktion wurden 17 000 Juden
aus Deutschland vertrieben, bis es zu einer Einigung mit Polen kam,
nennenswerter Protest aus dem Ausland war – wieder einmal - nicht zu hören.
Damit nicht genug: Seit
dem von Julius Streicher organisierten Weihnachtsboykott von 1937 kam es im
ganzen Land immer wieder zu Pogromen, einer der größten im Juni in
Berlin: Die Zerstörung der kurz zuvor als solche gekennzeichneten
jüdischen Geschäfte wurde erst nach einigen Tagen von der Polizei
unterbunden, um die Lösung der sogenannten Sudetenkrise nicht zu gefährden.
Nach Jahren der
wirkungsvollen, aber eher schleichenden Ausgrenzung, Enteignung und Vertreibung
der deutschen Juden begann man also spätestens
1938 mit einer engültigen Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben,
begleitet von verschiedensten Verboten und Gleichgültigkeit in der
Weltöffentlichkeit. Was der nächste Schritt sein könnte, um
gegen die verhassten Juden vorzugehen, hatte das Judenreferat in Heydrichs
Sicherheitsdienst schon 37 formuliert: Das „wirksamste Mittel“ zur
beschleunigten „Lösung der Judenfrage“ sei der „Volkszorn..., der sich in
Ausschreitungen ergeht..., da der Jude durch Pogrome viel gelernt hat und
nichts so fürchtet als eine feindliche Stimmung, die sich spontan gegen
ihn wenden kann.“
Goebbels, Grynszpan und vom Rath: Akteure
Neben der historischen
Ausgangslage ist es ebenfalls wichtig, die Akteure genauer zu betrachten, die
bei den Vorkommnissen rund um den 9. November eine wichtige Rolle spielen.
Eine zentrale Rolle bei
den Novemberpogromen nimmt ohne Zweifel Josef Goebbels ein. Als „Reichsminister
fuer Volksaufklaerung und Propaganda“ und persönlicher Vertrauter und
Berater Hitlers hatte er eine herausragende Stellung im Staatsapparat des
Dritten Reiches, dennoch stand er Anfang November 38 unter starkem Druck. Nicht
nur die mangelhafte propagandistische Ausschlachtung der sogenannten
Sudetenkrise wurde ihm u.a. von Hitler selbst vorgeworfen, sondern auch seine
Beziehung zu der tschechischen Schauspielerin Lida Baarova. Goebbels hatte gar
die Scheidung von seiner Frau Magda in Erwägung gezogen, doch da diese
nicht nur eng mit Hitler verbunden war, sondern auch als quasi First Lady des
Deutschen Reichs fungierte und die Vorzeigemutter der Nation war, verbot Hitler
seinem Propagandachef dieses Vorhaben. Baarova war zudem bei weitem nicht die
einzige Affaire Goebbels, auch dies war Gegenstand parteiinterner Kritik. So stand
Joseph Goebbels also unter Druck, die Gunst Hitlers wieder zu gewinnen – eine
entschlossene Aktion gegen die Juden schien ihm da genau das Richtige zu sein.
Goebbels Gegenspieler
waren wohl Heydrich als Chef des Sicherheitsdienstes der SS und Göring als
Beauftragter für den 4-Jahres-Plan. Die SS wollte die „Judenpolitik“ des
Reiches schon länger allein an sich ziehen, verhielt sich daher während
des Pogroms auffallend zurückhaltend und äußerte im Anschluß
heftige Kritik an Goebbels. Heydrich selbst war eine Woche vor dem Attentat in
Paris, eventuell wegen seiner Funktion als Leiter des Devisenfahndungsamtes,
genaueres ist nicht bekannt. Als Chef des SD, quasi dem parteiinternen
Geheimdienst, dürfte er aber auch gut über das Opfer des Attentats,
vom Rath informiert gewesen sein.
Ernst vom Rath war kurz
nach seinem Jurastudium 1932 in die NSDAP eingetreten und arbeitete ab 1934 für
das Auswärtige Amt. Bereits 35/36 arbeitete er als persönlicher
Sekretär des deutschen Botschafters, der gleichzeitig sein Onkel war, in
Paris, anschließend kam er nach Kalkutta, von wo er aber nach einem Jahr
wieder abgerufen wurde, da er an einem Darmleiden litt, was nach Aussage seiner
jüdischen Ärztin Dr. Pomeranz auf homosexuellen Verkehr zurückzuführen
war (Sie beruft sich hierbei auch auf den Facharzt für Haut- und
Geschlechtskrankheiten Dr. Gumpert, der ihr vom Rath überwiesen hatte).
Erst Mitte Juli 1938 tritt vom Rath
wieder eine Stellung in der Pariser Botschaft an, im Oktober wird er zum
Legationssekretär befördert. U.a. Hans-Juergen Döscher vermutet,
dass vom Rath und Herschel Grynszpan sich bereits vor ihrem Zusammentreffen in
der Botschaft aus der homosexuellen Szene gekannt haben müssen, letzterer
verkehrte nachweislich in verschiedenen Lokalen, die vor allem von einem
homosexuellen Publikum besucht wurden.
Außerdem gab Grynszpan 1941 in deutscher Gefangenschaft an, vom Rath schon
länger gekannt zu haben und von ihm sexuell missbraucht worden zu sein –
ein Grund, der Goebbels dazu bewog, auf einen Propaganda-Prozess gegen ihn zu
verzichten.
Herschel Grynszpan wurde
als Sohn polnisch-jüdischer Eltern in Hannover geboren, nach seinem
Studium an einer Frankfurter Yeshiwa kam er 1936 über Umwege schließlich
nach Paris, wo er sich illegal aufhielt. Seine Familie war unter den 17 000
Juden, die die Gestapo im Oktober 1938 nach Polen abschieben ließ, über
die katastrophalen Bedingungen, unter denen die Vertriebenen im Niemandsland
zwischen den beiden Ländern ausharren mussten, war Grynszpan durch eine Postkarte
von seiner Schwester, die er am 3. November erhielt, informiert.
Vorbereitungen und Vorankündigungen
Neben den drastischen Maßnahmen
des Regimes, die eine Eskalation des Umgangs mit den Juden – z. B. durch einen
Pogrom - nur logisch erscheinen lassen, und den persönlichen Motiven der
direkt Beteiligten gibt es auch einige Vorzeichen und Warnungen, die für
ein geplantes Zuschlagen am 09.11. sprechen. So schreibt beispielsweise Lise
Meitner in einem Brief an Otto Hahn von 1945 von Warnungen, die Prof. Heinrich
Hörlein, Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie und
NSDAP-Mitglied, 1938 ausgesprochen haben soll.
Dr. K.-J. Ball-Kaduri schildert in seinem Artikel „Die Vorplanung der
Kristallnacht“ zwei
weitere Fälle: Der jüdische Richter Berthold Löwenstein aus
Leipzig war 1933 zwar entlassen worden, hielt den Kontakt zu seinem damaligen
Vorgesetzten und Logenbruder Engelke jedoch aufrecht. Dieser hatte ihm immer
geraten, in Deutschland zu bleiben, änderte diese Meinung jedoch 1938,
insbesondere nach einer Sitzung im Wirtschaftsministerium am 29.10., in deren
Anschluss er Löwenstein warnte, Mitte November würden schreckliche
Dinge mit den Juden geschehen, er solle unbedingt vor dem 5.11. ausreisen. Und
auch der – selbstverständlich ebenfalls entlassene – jüdische
Polizeimeister Konrad Kaiser aus Berlin erfuhr von einem Kollegen, dass
Ortspolizei, Geheime Staatspolizei und Steuerbehörden Listen mit Namen von
Juden für die SS vorbereiten, deren Einweisung in ein KZ vorgesehen sei.
Auch in den
Konzentrationslagern wurden ab Spätsommer 1938 Vorkehrungen getroffen. In
Dachau mussten in kurz zuvor neu errichteten Barracken Massenschlafplätze
hergerichtet werden, obwohl mehrere Transporte nach Buchenwald das Lager eher
leerer werden ließen.
Zusätzlich berichtet der ehemalige Häftling Hans Schwarz, der zu
diesem Zeitpunkt in der Lagerschreibstube in Dachau arbeiten musste, von einem
ihm vorgelegten Auftrag, nach dem auf 5 000 Häftlingsuniformen
„Judensterne“ genäht werden mussten.
Neben den Transporten nach Buchenwald fand auch innerhalb des Lagers eine
„Umsiedlung“ statt, so dass einige Baracken überbelegt, andere dagegen
leergeräumt waren.
Das Attentat
Am Morgen des 7.
November, also vier Tage, nachdem Herschel Grynszpan den Brief seiner Schwester
erhalten hatte, ging er in das Waffengeschäft "A la fine lame"
und kaufte für 245 Francs einen Trommelrevolver mitsamt Patronen. Mit
diesem begab er sich dann zur deutschen Botschaft, wo er vor dem Tor den
deutschen Botschafter Graf Welczeck traf, der von seinem üblichen
Morgenspaziergang zurückkam. Dieser verwies Grynszpan an den Pförtner
Mathes, wo er angibt, ein wichtiges Dokument an einen Sekretär abgeben zu
müssen, so die Aussage Welczeks.
Grynszpan interessierte sich also nicht für den Botschafter vor dem
Gebäude (wo ihm ein Attentat auch bessere Fluchtmöglickeiten offen
gelassen hätte), sondern fragte direkt nach einem Sekretär. Seltsam
erscheint auch, dass er ohne Passkontrolle oder weitere Rückfragen
vorgelassen wurde, dass der Amtsgehilfe Nagorka ihn bei vom Rath anmeldete ohne
Grynszpan den vorgeschriebenen Anmeldevordruck ausfüllen zu lassen, und
dass vom Rath diesen auch hineinbat. Alles nur, um ein Dokument abzugeben?
Kurze Zeit, nachdem er
Grynszpan in das Büro vom Raths gelassen hatte, hört Nagorka
Hilfeschreie – wohlgemerkt keine Schüsse!
Er findet vom Rath auf den Boden liegend vor, lässt den Verletzten aber zurück
und haelt zunaechst Grynszpan fest, um ihn dem vor der Botschaft postierten
französischen Polizisten zu übergeben. Damit entscheidet sich Nagorka
gegen zwei näherliegendere Handlungsoptionen: Weder hilft er dem Opfer vom
Rath, schließlich hatte der Amtsgehilfe ja nicht einmal Schüsse
gehört und kann sich so über die Situation eigentlich noch nicht im
Klaren gewesen sein, noch verständigt er den für die Botschaft als
ex-territorialen Raum zuständigen SS-Sturmbannführer Bömelburg.
Der französische Polizist muss dagegen mit der Verhaftung eines
Mörders ziemlich überfordert gewesen sein, war er doch zu diesem
Zeitpunkt auf sich allein gestellt.
Schüsse hatte
Nagorka wie gesagt keine gehört. Und laut dem Juristen Friedrich Kaul, der
die französischen Gerichtsakten durchgearbeitet hat, fand der
französische Kommissar, der kurz
nach der Tat das Zimmer vom Raths betrat, zwar den Revolver, jedoch waren in
diesem noch alle fünf Patronen (und nicht die leergeschossenen Patronenhülsen,
wie es bei einem Revolver der Fall sein müsste).
War der Revolver, den Grynszpan am Morgen gekauft hatte, also überhaupt
die Tatwaffe? War Grynszpan überhaupt der Täter?
Fest steht, dass
Grynszpan verhaftet wird, während vom Rath zunächst von Dr. Claass
untersucht wird, dem Vertrauensarzt der deutschen Botschaft. Er ist der erste
Arzt, der in Kontakt mit vom Rath kommt und diesen nach welcher Behandlung auch
immer an den französischen Prof. Dr. Baumgartner ins Krankenhaus de
l'Alma, 166 Rue de l'Université, überstellt. Obwohl mit Dr. Claass
ein Vertrauter der Deutschen das Opfer mit behandelt, und an der Kompetenz von
Prof. Baumgartner auch von Seiten der Nazis nie der geringste Zweifel
geäußert wurde, reicht dies der Partei- und Staatsführung nicht
aus. Noch in der Nacht vom 7. auf den 8. November setzen sich aus Deutschland
Hitlers Leibarzt, Dr. Brandt, und Prof. Magnus in Richtung Paris in Bewegung –
der Grund hierfür ist unbekannt, was ihre genaue Aufgabe in Paris sein
sollte, ebenfalls. Dr. Brandt war zwar Vertrauter Hitlers, medizinisch
zeichnete ihn aber nichts aus, er war eigentlich Unfallchirurg. Kurz nach ihrem
Eintreffen unterrichten sie Berlin mit einem ersten Bulletin über den
Zustand des Patienten: "Der Zustand des … vom Rath ist … ernst zu
beurteilen. … Die bestmögliche operative Versorgung und bisherige
Behandlung durch Dr. Baumgartner, Paris, lässt Hoffnung auf den weiteren
Verlauf zu."
Der Zustand ist also ernst, lässt aber Hoffen. Auch Graf Welczeck, der
deutsche Botschafter, hatte in seinem Bericht über die Vorkommnisse, den
er am Vormittag des 8. November zu verfasst haben scheint, noch davon gesprochen, vom Rath habe
"die Nacht verhältnismäßig gut überstanden." Nun
verbringen die beiden, extra aus Deutschland herbeibeorderten Ärzte eine
halbe Stunde mit vom Rath alleine – und in ihrem Bulletin vom Abend des 8.
November äussern sie dann auch ernstere Besorgnisse. "…Die Temperatur
ist hoch geblieben. Es finden sich jetzt Anzeichen einer beginnenden
Kreislaufschwäche."
Was Brandt und Magnus in dieser Zeit mit vom Rath taten, können wir nur
vermuten, dass zumindest Brandt aber kaum besondere Skrupel gehabt haben
dürfte, ist anzunehmen: Er wurde 1948 als ranghöchster Arzt bei den
Nürnberger Ärzteprozessen zum Tode verurteilt, u.a. war er an
Menschenversuchen in Konzentrationslagern beteiligt. Bevor vom Rath am 9.
November, um 16:30 stirbt, darf ihn seine Mutter noch am Krankenbett besuchen –
allerdings mit dem strengen Verbot mit ihm zu sprechen. Warum? Nur um seine
Gesundheit zu schützen oder aus Angst, er könnte etwas verraten? Vom
Raths Vater, ebenfalls im diplomatischen Dienst tätig gewesen,
äusserte jedenfalls Zweifel, ob sein Sohn wirklich Opfer eines
Attentäters geworden sei. Gegenüber seines jüdischen Nachbarn,
dem Kantor Magnus Davidson, erklärte er, er glaube eher an "eine von
den Nationalsozialisten gedungene Kreatur als an ein jüdisches
Attentat", sein Sohn habe zu viel gewusst.
Dass die Sympathie der Nationalsozialisten mit dem nicht sonderlich hoch
gestellten, adligen und vermutlich homosexuellen vom Rath nicht sonderlich groß
war, darf wohl angenommen werden, vielleicht war er ihnen gar ein Dorn im Auge.
Der Berliner Journalist Dr. Heinrich
Muehsam, antwortete auf die Frage, ob vom Rath wohl sterben werde: „Natuerlich
stirbt er. Sonst haette das ganze ja keinen Wert. ... Je groesser die Trauer,
desto fanatischer der Hass.“
Das Nachspiel
Wie sich der fanatische
Hass entlud, ist Bekannt und oft beschrieben worden. 1500 Synagogen wurden in
Brand gesteckt oder demoliert, 7500 Geschäfte zerstört, mindestens
600 Menschen wurden in den Pogromen und den Tagen und Wochen danach in den
Konzentrationslagern ermordet oder nahmen sich aus Verzweiflung das Leben.
Einen Tag nachdem die Ausschreitungen
beendet sind, wird die Nazi-Führung aktiv. Göring, als Beauftragter für
den 4-Jahresplan somit auch für die wirtschaftliche Entrechtung der Juden verantwortlich,
ruft eine Konferenz ein, an der alle Stellen, die mit der Judenfrage befasst
sind, teilnehmen. Als Reaktion auf die Pogromnacht wurde hier bereits ein Tag
nach Ende der Vorgänge eine neue „Verordnung zur Ausschaltung der Juden
aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ verfügt. Dass eine solche Verordnung
nicht einfach aus dem nichts kommt, sondern vielmehr einer längeren
Vorbereitung bedarf, liegt nahe, dass diese folglich schon vor dem 9. und wohl
auch vor dem 7. November geschehen sein muss, ebenfalls. Auch andere Stellen,
wie zum Beispiel die Reichskulturkammer, reagierten äußerst schnell
auf die neue Linie, nun die Juden nur noch per Gesetz und nicht in „wilden
Aktionen“ zu verfolgen: Ebenfalls am 12.11. wurde Juden der Zutritt zu
Theatern, Kinos, Konzerten und Ausstellungen verweigert, eine wahre Flut von
judenfeindlichen Gesetzen und Verordnungen sollte in den nächsten Tagen,
Wochen und Monaten erfolgen. Goebbels nahm an der oben erwähnten Konferenz
zwar Teil, jedoch deutlich angeschlagen. Er wurde für die während der Pogromnacht zerstörten
Sachwerte und seine Affairen kritisiert – für die Opfer interessierte sich
freilich niemand.
Herzlichen Dank
an die akribische Recherche-Arbeit von Dr. Vincent C. Frank