Juedisches Kulturerbe in Deutschland


Der mysteriöse Mord an Ernst vom Rath
– Vorwand für die Pogromnacht

Die Vorbereitungen der Nationalsozialisten 1938 zeigen, dass ein noch radikaleres Vorgehen gegen die Juden unmittelbar geplant war. Das Attentat gegen Ernst vom Rath passte somit genau ins Konzept und war auch im Sinne der involvierten Akteure. Verschiedene Unstimmigkeiten beim Ablauf des Attentats lassen Zweifel an der Goebbelschen Version der Ereignisse aufkommen, die dennoch in der Geschichtswissenschaft vorherrscht. Hatten die Nazis gar selbst die Finger im Spiel?

Die Vorkommnisse rund um den 9. November 1938, die als "Reichskristallnacht" in die Geschichte eingegangen sind, bildeten einen Wendepunkt in der Nationalsozialistischen Judenpolitik. Die Brutalität dieses Pogroms, das Ausmaß und die konsequente Durchführung machte den noch in Deutschland lebenden Juden deutlich, das Land schnellstens zu verlassen. Angesichts dieser außergewöhnlichen historischen Stellung der Ereignisse in der ersten Novemberhälfte verwundert der Umgang mit ihnen nach 1945 umso mehr. Nicht nur, dass jahrelang die Zahl der Todesopfer, der zerstörten Synagogen und der geplünderten jüdischen Geschäfte getreulich von den Angaben der Nazi-Führung abgeschrieben wurden, auch beim Attentat Herschel Grynszpans auf den Angestellten der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, folgt man im Großen und Ganzen der Propaganda-Version eines Joseph Goebbels. Angesichts solch erfolgreicher Inszenierungen wie dem Reichstagsbrand oder dem angeblichen Angriff auf Gleiwitz lohnt sich also auch hier ein genauerer Blick auf die Ereignisse vor dem 9. November 1938.

Schicksalsjahr 1938

Was spätestens seit einer Konferenz von 1936 Teil der Strategie des Deutschen Reichs war, sollte 1938 endgültig umgesetzt werden: Die gleichzeitige wirtschaftliche Enteignung und die Vertreibung der Juden aus Deutschland. Anfang des Jahres war die Situation der Juden bereits sehr ernst, 60-70% der Betriebe waren 'arisiert', die Arbeitslosigkeit hatte sich innerhalb weniger Monate verdoppelt. Gleichzeitig waren die letzten Konservativen im Februar 38 aus der Regierung entfernt worden, so dass die 'Judenfrage' nun entschlossener angegangen werden konnte. Im Laufe des sogenannten "Schicksalsjahres" 1938 ergingen eine Reihe von Maßnahmen, die die Novemberpogrome nur als einen vorläufigen Höhepunkt einer katastrophalen Entwicklung erscheinen lassen.

Bereits im April erließ Göring die "Verordnung gegen die Unterstützung der Tarnung jüdischer Gewerbebetriebe", die eine Kennzeichnung jüdischer Betriebe und Geschäfte vorschrieb und somit den "Auftakt zur grundsätzlichen Lösung der Judenfrage in der Wirtschaft" (Salzburger Zeitung) bildete. Wenig später, am 26. April, war es wieder Göring, der als Beauftragter für den 4-Jahres-Plan gemeinsam mit dem Innenministerium die "Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden" erließ – die genaue Registrierung des Besitzes der noch in Deutschland lebenden Juden war damit in die Wege geleitet. Letztere Verordnung wurde dann in aller Eile umgesetzt: Im August wurden die beteiligten Stellen – immerhin die Finanzämter, die Sicherheitspolizei, die Gestapo, die Handelskammern und die Gauwirtschaftsberater – nochmals zur Eile gemahnt: Die Vermögenserfassung müsse unbedingt, notfalls durch die Einstellung zusätzlicher Kräfte, bis zum 30.09. abgeschlossen sein. Man wollte genau wissen, wieviel Besitz sich noch in Händen der jüdischen Bürgerinnen und Bürger befand. Paralell dazu wurde auch die rechtliche Ausgrenzung weiter forciert, immer mehr Berufe wurden Juden verboten, ein "J" wurde in den Pass gestempelt, vermeintlich jüdische Namen mussten angenommen werden, der Ausweis durch eine Kennkarte ersetzt.

Zu diesen innenpolitischen Maßnahmen kamen im Laufe des Jahres 1938 auch eine aggressivere Außenpolitik hinzu, die zudem auf keinen nennenswerten Widerstand der Nachbarländer stieß. So wurde sowohl der Anschluss Österreichs mehr oder weniger stillschweigend hingenommen – auch, als dort direkt judenfeindliche Aktionen in bis dato noch nicht gekanntem Ausmaß begannen – und auch die Einverleibung des Sudetenlandes wurde auf der Münchner Konferenz im September 38 bewilligt. Damit nicht genug: Auf einer Konferenz in Evian im Juli zeigte sich kein Land bereit, jüdische Flüchtlinge aus Deutschland aufzunehmen, der „Völkische Beobachter“ titelte leider zurecht: „Niemand will sie“. Ende Oktober 1938 fand dann die bis zu diesem Zeitpunkt größte Vertreibungsaktion von Juden aus Deutschland statt: Nachdem die polnische Regierung Juden, die seit 5 Jahren im Ausland leben, den polnischen Pass entziehen wollte (was 50 000 Menschen im damaligen Deutschland betroffen hätte), wurde die Gestapo damit beauftragt, innerhalb von 14 Tagen die betroffenen Personen abzuschieben, bevor diese staatenlos und somit nicht mehr abschiebbar würden. Im Laufe dieser Aktion wurden 17 000 Juden aus Deutschland vertrieben, bis es zu einer Einigung mit Polen kam, nennenswerter Protest aus dem Ausland war – wieder einmal - nicht zu hören.

Damit nicht genug: Seit dem von Julius Streicher organisierten Weihnachtsboykott von 1937 kam es im ganzen Land immer wieder zu Pogromen, einer der größten im Juni in Berlin: Die Zerstörung der kurz zuvor als solche gekennzeichneten jüdischen Geschäfte wurde erst nach einigen Tagen von der Polizei unterbunden, um die Lösung der sogenannten Sudetenkrise nicht zu gefährden.

Nach Jahren der wirkungsvollen, aber eher schleichenden Ausgrenzung, Enteignung und Vertreibung der deutschen Juden begann man also spätestens 1938 mit einer engültigen Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben, begleitet von verschiedensten Verboten und Gleichgültigkeit in der Weltöffentlichkeit. Was der nächste Schritt sein könnte, um gegen die verhassten Juden vorzugehen, hatte das Judenreferat in Heydrichs Sicherheitsdienst schon 37 formuliert: Das „wirksamste Mittel“ zur beschleunigten „Lösung der Judenfrage“ sei der „Volkszorn..., der sich in Ausschreitungen ergeht..., da der Jude durch Pogrome viel gelernt hat und nichts so fürchtet als eine feindliche Stimmung, die sich spontan gegen ihn wenden kann.“

Goebbels, Grynszpan und vom Rath: Akteure

Neben der historischen Ausgangslage ist es ebenfalls wichtig, die Akteure genauer zu betrachten, die bei den Vorkommnissen rund um den 9. November eine wichtige Rolle spielen.

Eine zentrale Rolle bei den Novemberpogromen nimmt ohne Zweifel Josef Goebbels ein. Als „Reichsminister fuer Volksaufklaerung und Propaganda“ und persönlicher Vertrauter und Berater Hitlers hatte er eine herausragende Stellung im Staatsapparat des Dritten Reiches, dennoch stand er Anfang November 38 unter starkem Druck. Nicht nur die mangelhafte propagandistische Ausschlachtung der sogenannten Sudetenkrise wurde ihm u.a. von Hitler selbst vorgeworfen, sondern auch seine Beziehung zu der tschechischen Schauspielerin Lida Baarova. Goebbels hatte gar die Scheidung von seiner Frau Magda in Erwägung gezogen, doch da diese nicht nur eng mit Hitler verbunden war, sondern auch als quasi First Lady des Deutschen Reichs fungierte und die Vorzeigemutter der Nation war, verbot Hitler seinem Propagandachef dieses Vorhaben. Baarova war zudem bei weitem nicht die einzige Affaire Goebbels, auch dies war Gegenstand parteiinterner Kritik. So stand Joseph Goebbels also unter Druck, die Gunst Hitlers wieder zu gewinnen – eine entschlossene Aktion gegen die Juden schien ihm da genau das Richtige zu sein.

Goebbels Gegenspieler waren wohl Heydrich als Chef des Sicherheitsdienstes der SS und Göring als Beauftragter für den 4-Jahres-Plan. Die SS wollte die „Judenpolitik“ des Reiches schon länger allein an sich ziehen, verhielt sich daher während des Pogroms auffallend zurückhaltend und äußerte im Anschluß heftige Kritik an Goebbels. Heydrich selbst war eine Woche vor dem Attentat in Paris, eventuell wegen seiner Funktion als Leiter des Devisenfahndungsamtes, genaueres ist nicht bekannt. Als Chef des SD, quasi dem parteiinternen Geheimdienst, dürfte er aber auch gut über das Opfer des Attentats, vom Rath informiert gewesen sein.

Ernst vom Rath war kurz nach seinem Jurastudium 1932 in die NSDAP eingetreten und arbeitete ab 1934 für das Auswärtige Amt. Bereits 35/36 arbeitete er als persönlicher Sekretär des deutschen Botschafters, der gleichzeitig sein Onkel war, in Paris, anschließend kam er nach Kalkutta, von wo er aber nach einem Jahr wieder abgerufen wurde, da er an einem Darmleiden litt, was nach Aussage seiner jüdischen Ärztin Dr. Pomeranz auf homosexuellen Verkehr zurückzuführen war (Sie beruft sich hierbei auch auf den Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten Dr. Gumpert, der ihr vom Rath überwiesen hatte)[1]. Erst Mitte Juli 1938 tritt vom Rath wieder eine Stellung in der Pariser Botschaft an, im Oktober wird er zum Legationssekretär befördert. U.a. Hans-Juergen Döscher vermutet, dass vom Rath und Herschel Grynszpan sich bereits vor ihrem Zusammentreffen in der Botschaft aus der homosexuellen Szene gekannt haben müssen, letzterer verkehrte nachweislich in verschiedenen Lokalen, die vor allem von einem homosexuellen Publikum besucht wurden[2]. Außerdem gab Grynszpan 1941 in deutscher Gefangenschaft an, vom Rath schon länger gekannt zu haben und von ihm sexuell missbraucht worden zu sein – ein Grund, der Goebbels dazu bewog, auf einen Propaganda-Prozess gegen ihn zu verzichten.

Herschel Grynszpan wurde als Sohn polnisch-jüdischer Eltern in Hannover geboren, nach seinem Studium an einer Frankfurter Yeshiwa kam er 1936 über Umwege schließlich nach Paris, wo er sich illegal aufhielt. Seine Familie war unter den 17 000 Juden, die die Gestapo im Oktober 1938 nach Polen abschieben ließ, über die katastrophalen Bedingungen, unter denen die Vertriebenen im Niemandsland zwischen den beiden Ländern ausharren mussten, war Grynszpan durch eine Postkarte von seiner Schwester, die er am 3. November erhielt, informiert.

Vorbereitungen und Vorankündigungen

Neben den drastischen Maßnahmen des Regimes, die eine Eskalation des Umgangs mit den Juden – z. B. durch einen Pogrom - nur logisch erscheinen lassen, und den persönlichen Motiven der direkt Beteiligten gibt es auch einige Vorzeichen und Warnungen, die für ein geplantes Zuschlagen am 09.11. sprechen. So schreibt beispielsweise Lise Meitner in einem Brief an Otto Hahn von 1945 von Warnungen, die Prof. Heinrich Hörlein, Leiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie und NSDAP-Mitglied, 1938 ausgesprochen haben soll.[3] Dr. K.-J. Ball-Kaduri schildert in seinem Artikel „Die Vorplanung der Kristallnacht“[4] zwei weitere Fälle: Der jüdische Richter Berthold Löwenstein aus Leipzig war 1933 zwar entlassen worden, hielt den Kontakt zu seinem damaligen Vorgesetzten und Logenbruder Engelke jedoch aufrecht. Dieser hatte ihm immer geraten, in Deutschland zu bleiben, änderte diese Meinung jedoch 1938, insbesondere nach einer Sitzung im Wirtschaftsministerium am 29.10., in deren Anschluss er Löwenstein warnte, Mitte November würden schreckliche Dinge mit den Juden geschehen, er solle unbedingt vor dem 5.11. ausreisen. Und auch der – selbstverständlich ebenfalls entlassene – jüdische Polizeimeister Konrad Kaiser aus Berlin erfuhr von einem Kollegen, dass Ortspolizei, Geheime Staatspolizei und Steuerbehörden Listen mit Namen von Juden für die SS vorbereiten, deren Einweisung in ein KZ vorgesehen sei.

Auch in den Konzentrationslagern wurden ab Spätsommer 1938 Vorkehrungen getroffen. In Dachau mussten in kurz zuvor neu errichteten Barracken Massenschlafplätze hergerichtet werden, obwohl mehrere Transporte nach Buchenwald das Lager eher leerer werden ließen[5]. Zusätzlich berichtet der ehemalige Häftling Hans Schwarz, der zu diesem Zeitpunkt in der Lagerschreibstube in Dachau arbeiten musste, von einem ihm vorgelegten Auftrag, nach dem auf 5 000 Häftlingsuniformen „Judensterne“ genäht werden mussten.[6] Neben den Transporten nach Buchenwald fand auch innerhalb des Lagers eine „Umsiedlung“ statt, so dass einige Baracken überbelegt, andere dagegen leergeräumt waren.

Das Attentat

Am Morgen des 7. November, also vier Tage, nachdem Herschel Grynszpan den Brief seiner Schwester erhalten hatte, ging er in das Waffengeschäft "A la fine lame" und kaufte für 245 Francs einen Trommelrevolver mitsamt Patronen. Mit diesem begab er sich dann zur deutschen Botschaft, wo er vor dem Tor den deutschen Botschafter Graf Welczeck traf, der von seinem üblichen Morgenspaziergang zurückkam. Dieser verwies Grynszpan an den Pförtner Mathes, wo er angibt, ein wichtiges Dokument an einen Sekretär abgeben zu müssen, so die Aussage Welczeks.[7] Grynszpan interessierte sich also nicht für den Botschafter vor dem Gebäude (wo ihm ein Attentat auch bessere Fluchtmöglickeiten offen gelassen hätte), sondern fragte direkt nach einem Sekretär. Seltsam erscheint auch, dass er ohne Passkontrolle oder weitere Rückfragen vorgelassen wurde, dass der Amtsgehilfe Nagorka ihn bei vom Rath anmeldete ohne Grynszpan den vorgeschriebenen Anmeldevordruck ausfüllen zu lassen, und dass vom Rath diesen auch hineinbat. Alles nur, um ein Dokument abzugeben?

Kurze Zeit, nachdem er Grynszpan in das Büro vom Raths gelassen hatte, hört Nagorka Hilfeschreie – wohlgemerkt keine Schüsse![8] Er findet vom Rath auf den Boden liegend vor, lässt den Verletzten aber zurück und haelt zunaechst Grynszpan fest, um ihn dem vor der Botschaft postierten französischen Polizisten zu übergeben. Damit entscheidet sich Nagorka gegen zwei näherliegendere Handlungsoptionen: Weder hilft er dem Opfer vom Rath, schließlich hatte der Amtsgehilfe ja nicht einmal Schüsse gehört und kann sich so über die Situation eigentlich noch nicht im Klaren gewesen sein, noch verständigt er den für die Botschaft als ex-territorialen Raum zuständigen SS-Sturmbannführer Bömelburg. Der französische Polizist muss dagegen mit der Verhaftung eines Mörders ziemlich überfordert gewesen sein, war er doch zu diesem Zeitpunkt auf sich allein gestellt.

Schüsse hatte Nagorka wie gesagt keine gehört. Und laut dem Juristen Friedrich Kaul, der die französischen Gerichtsakten durchgearbeitet hat, fand der französische Kommissar, der kurz nach der Tat das Zimmer vom Raths betrat, zwar den Revolver, jedoch waren in diesem noch alle fünf Patronen (und nicht die leergeschossenen Patronenhülsen, wie es bei einem Revolver der Fall sein müsste)[9]. War der Revolver, den Grynszpan am Morgen gekauft hatte, also überhaupt die Tatwaffe? War Grynszpan überhaupt der Täter?

Fest steht, dass Grynszpan verhaftet wird, während vom Rath zunächst von Dr. Claass untersucht wird, dem Vertrauensarzt der deutschen Botschaft. Er ist der erste Arzt, der in Kontakt mit vom Rath kommt und diesen nach welcher Behandlung auch immer an den französischen Prof. Dr. Baumgartner ins Krankenhaus de l'Alma, 166 Rue de l'Université, überstellt. Obwohl mit Dr. Claass ein Vertrauter der Deutschen das Opfer mit behandelt, und an der Kompetenz von Prof. Baumgartner auch von Seiten der Nazis nie der geringste Zweifel geäußert wurde, reicht dies der Partei- und Staatsführung nicht aus. Noch in der Nacht vom 7. auf den 8. November setzen sich aus Deutschland Hitlers Leibarzt, Dr. Brandt, und Prof. Magnus in Richtung Paris in Bewegung – der Grund hierfür ist unbekannt, was ihre genaue Aufgabe in Paris sein sollte, ebenfalls. Dr. Brandt war zwar Vertrauter Hitlers, medizinisch zeichnete ihn aber nichts aus, er war eigentlich Unfallchirurg. Kurz nach ihrem Eintreffen unterrichten sie Berlin mit einem ersten Bulletin über den Zustand des Patienten: "Der Zustand des … vom Rath ist … ernst zu beurteilen. … Die bestmögliche operative Versorgung und bisherige Behandlung durch Dr. Baumgartner, Paris, lässt Hoffnung auf den weiteren Verlauf zu."[10] Der Zustand ist also ernst, lässt aber Hoffen. Auch Graf Welczeck, der deutsche Botschafter, hatte in seinem Bericht über die Vorkommnisse, den er am Vormittag des 8. November zu verfasst haben scheint, noch davon gesprochen, vom Rath habe "die Nacht verhältnismäßig gut überstanden."[11] Nun verbringen die beiden, extra aus Deutschland herbeibeorderten Ärzte eine halbe Stunde mit vom Rath alleine – und in ihrem Bulletin vom Abend des 8. November äussern sie dann auch ernstere Besorgnisse. "…Die Temperatur ist hoch geblieben. Es finden sich jetzt Anzeichen einer beginnenden Kreislaufschwäche."[12] Was Brandt und Magnus in dieser Zeit mit vom Rath taten, können wir nur vermuten, dass zumindest Brandt aber kaum besondere Skrupel gehabt haben dürfte, ist anzunehmen: Er wurde 1948 als ranghöchster Arzt bei den Nürnberger Ärzteprozessen zum Tode verurteilt, u.a. war er an Menschenversuchen in Konzentrationslagern beteiligt. Bevor vom Rath am 9. November, um 16:30 stirbt, darf ihn seine Mutter noch am Krankenbett besuchen – allerdings mit dem strengen Verbot mit ihm zu sprechen. Warum? Nur um seine Gesundheit zu schützen oder aus Angst, er könnte etwas verraten? Vom Raths Vater, ebenfalls im diplomatischen Dienst tätig gewesen, äusserte jedenfalls Zweifel, ob sein Sohn wirklich Opfer eines Attentäters geworden sei. Gegenüber seines jüdischen Nachbarn, dem Kantor Magnus Davidson, erklärte er, er glaube eher an "eine von den Nationalsozialisten gedungene Kreatur als an ein jüdisches Attentat", sein Sohn habe zu viel gewusst[13]. Dass die Sympathie der Nationalsozialisten mit dem nicht sonderlich hoch gestellten, adligen und vermutlich homosexuellen vom Rath nicht sonderlich groß war, darf wohl angenommen werden, vielleicht war er ihnen gar ein Dorn im Auge. Der Berliner Journalist Dr. Heinrich Muehsam, antwortete auf die Frage, ob vom Rath wohl sterben werde: „Natuerlich stirbt er. Sonst haette das ganze ja keinen Wert. ... Je groesser die Trauer, desto fanatischer der Hass.“[14]

Das Nachspiel

Wie sich der fanatische Hass entlud, ist Bekannt und oft beschrieben worden. 1500 Synagogen wurden in Brand gesteckt oder demoliert, 7500 Geschäfte zerstört, mindestens 600 Menschen wurden in den Pogromen und den Tagen und Wochen danach in den Konzentrationslagern ermordet oder nahmen sich aus Verzweiflung das Leben.

Einen Tag nachdem die Ausschreitungen beendet sind, wird die Nazi-Führung aktiv. Göring, als Beauftragter für den 4-Jahresplan somit auch für die wirtschaftliche Entrechtung der Juden verantwortlich, ruft eine Konferenz ein, an der alle Stellen, die mit der Judenfrage befasst sind, teilnehmen. Als Reaktion auf die Pogromnacht wurde hier bereits ein Tag nach Ende der Vorgänge eine neue „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ verfügt. Dass eine solche Verordnung nicht einfach aus dem nichts kommt, sondern vielmehr einer längeren Vorbereitung bedarf, liegt nahe, dass diese folglich schon vor dem 9. und wohl auch vor dem 7. November geschehen sein muss, ebenfalls. Auch andere Stellen, wie zum Beispiel die Reichskulturkammer, reagierten äußerst schnell auf die neue Linie, nun die Juden nur noch per Gesetz und nicht in „wilden Aktionen“ zu verfolgen: Ebenfalls am 12.11. wurde Juden der Zutritt zu Theatern, Kinos, Konzerten und Ausstellungen verweigert, eine wahre Flut von judenfeindlichen Gesetzen und Verordnungen sollte in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten erfolgen. Goebbels nahm an der oben erwähnten Konferenz zwar Teil, jedoch deutlich angeschlagen. Er wurde für die während der Pogromnacht zerstörten Sachwerte und seine Affairen kritisiert – für die Opfer interessierte sich freilich niemand.

Herzlichen Dank an die akribische Recherche-Arbeit von Dr. Vincent C. Frank



[1] Vgl. Döscher, Hans-Jürgen: "'Reichskristallnacht'. Die November-Pogrome 1938.", Frankfurt (M), Berlin: 198, S.61

[2] Vgl. Döscher (1988), S. 65

[3]Fritz Krafft, "Im Schatten der Sensation, Leben und Wirken von Fritz Strassmann" Verlag Chemie Weinheim 1981, S. 181, zitiert nach http://www.falsifikation.ch/grynszpan/i_falsifikation.html

[4]Dr. K.J. Ball-Kaduri, "Die Vorplanung der Kristallnacht" in Zeitschrift für die Geschichte der Juden, Tel Aviv, Nr. 4 1966 S. 211ff, zitiert nach zitiert nach http://www.falsifikation.ch/grynszpan/i_falsifikation.html

[5] Distel, Barbara: "Der Anfang vom Ende" in Süddeutsche Zeitung, Nr. 258, 9. November 1978

Schwarz, Hans: : “Wir haben es nicht gewusst. Erlebnisse, Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem KZ Dachau.“, Dachauer Archiv 21.523, zitiert nach http://www.falsifikation.ch/grynszpan/i_falsifikation.html [6]

[7] Bericht des Botschafters Graf Welczeck vom 8.11.1938, zitiert nach Döscher (1988), S. 70

[8] “Anklageschrift des Oberreichsanwalts gegen Herschel Grünszpan, Okt. 1941”, zitiert nach http://www.falsifikation.ch/grynszpan/i_falsifikation.html

[9] Kaul, Friedrich: “Der Fall Herschel Grynszpan”, Berlin 1965, S. 8

[10] zitiert nach: Döscher, Hans-Jürgen: "Reichskristallnacht. Die Novemberpogrome 1938.", Frankfurt/ Main, Berlin, 1988, Seite 64

[11] Bericht des Botschafters Graf Welczeck vom 8. November 1938 zum Attentat auf Legationssekretär vom Rath, zitiert nach: Döscher, Jürgen (Hrsg.): "Reichskristallnacht. Die Novemberpogrome 1938 im Spiegel ausgewählter Quellen.", Bonn 1988.

[12] ebd., Seite 64

[13] Benz, Wolfgang (Hrsg.): “Die Juden in Deutschland 1933-1945“, München 1989, S. 505

[14] ebd., S. 508