Juedisches Kulturerbe in Deutschland


Rabbi Kupfersztoch
Prof. Meir Schwarz

  Auf die folgende Geschichte stiess ich bei unseren Forschungen über die ehemaligen Synagogen Deutschlands. Als wir die Zerstörung der Synagogen Berlins in der Pogromnacht dokumentierten, verstanden wir nicht, warum eine dieser Synagogen von den Nazis nicht angetastet wurde...

(für Arnold H. Zweig dokumentiert und berichtet von Gerald Bocian, seinem Klassenkameraden, der ein Nachbar dieses Rabbi war.)

Die Geschichte ist interessant, faszinierend, kaum zu glauben und doch wahr. In der verrückten Zeit des 1. Weltkriegs, der Weimarer Republik und vor allem des Dritten Reichs war alles möglich, wie unglaublich es auch klingen mag.

In den Tagen vor dem 1. Weltkrieg hatte ein junger chassidischer Rabbi namens Kupfersztoch in Warschau eine „Shul“ mit ungefähr 80 bis 100 Familien, die Anhänger des Chassidismus waren. Warschau gehörte damals zu Russland, und die russische Armee zog viele jüdische orthodoxe junge Männer zum Militärdienst ein. In der russischen Armee durften sie ihre Religion nicht ausüben und wurden darüber hinaus gezwungen, nicht koschere Lebensmittel zu essen. Das Ergebnis war, dass viele jüdische Wehrpflichtige aus der Armee desertierten. Unter den Deserteuren befanden sich auch drei Schüler des Rabbi Kupfersztoch. Alle drei wurden gefasst und nacheinander öffentlich gehängt. Rabbi Kupfersztoch soll am Fuss des Galgens geschworen haben, ihren Tod an den Russen zu rächen.

Am 1. August 1914 brach der 1. Weltkrieg aus und zwei russische Armeen marschierten unter dem Kommando ihrer Generäle in Ostpreussen ein. Ihre befestigten Stellungen in der Nähe der masurischen Sümpfe wurden als uneinnehmbar betrachtet. Trotzdem gelang es den deutschen Generälen Hindenburg und Ludendorff in der monumentalen Schlacht von Tannenberg, den Russen eine entscheidende Niederlage beizubringen. Der überraschende Ausgang dieser Schlacht hing bezeichnenderweise mit der Tatsache zusammen, dass General Ludendorff die geheimen russischen Verteidigungspläne erhalten hatte. Sie waren ihm durch die Spionagetätigkeit des Rabbi Kupfersztoch geliefert worden. Dieser militärische Sieg führte schliesslich zur Kapitulation des russischen Reichs und etwas später zur Unterzeichnung eines seperaten Waffenstillstandsabkommens.

Um Rabbi Kupfersztoch seine Dankbarkeit zu zeigen, sorgte der deutsche Kaiser Wilhelm II. dafür, dass der Rabbi und seine Anhänger nach Berlin gebracht wurden und sich dort niederlassen konnten. Sie zogen von Warschau in das Berliner Scheunenviertel, eine hauptsächlich von osteuropäischen orthodoxen Juden bewohnte Enklave der Stadt. Weiterhin gewährte der Kaiser Rabbi Kupfersztoch eine lebenslange staatliche Rente (Reichspension).

In Berlin genoss der Rabbi ein gewisses Ansehen und war als der „Warschauer Rav“ bekannt. 1925 wurde Paul von Hindenburg Reichspräsident bis zu seinem Tod im Jahr 1934. Jedes Jahr anlässlich Hindenburgs Geburtstag spazierte der „Warschauer Rav“ mit seinem langen Bart, im Kaftan und mit rundem schwarzen Hut und Spazierstock zum Präsidentenpalais, um dem Reichspräsidenten persönlich seine Geburtstagsglückwünsche zu überbringen. Er passierte die Ehrengarde der Reichswehr (die im Vertrag von Versailles bewilligten begrenzten Militäreinheiten), die dem Besucher voller Respekt ihre Gewehre präsentierten.

Dann kam Adolf Hitler an die Macht. Genauer gesagt ernannte Hindenburg ihn 1933 zum Reichskanzler. Als Hindenburg im Sommer 1934 starb und die Nationalsozialisten auf der Höhe ihrer Macht waren, wurde der „Warschauer Rav“ zum „Schutzjuden“ ernannt und als solcher bezog er auch weiterhin seine Reichspension, bis er 1940 starb. Während der sogenannten „Polenaktion“ der Nazis im Oktober 1938 wurden ca. 15.000 Juden, die früher in Polen gelebt hatten, (unter ihnen 147 Nürnberger „Ostjuden“) dorthin zurückdeportiert. Viele Schüler des Rabbi befanden sich unter ihnen.

Zwei Wochen später, in der Pogromnacht am 9./10. November wurden alle jüdischen Geschäfte in der Münzstrasse (die „Shul“ des Rabbi befand sich in der Münzstrasse 25) verwüstet und zerstört, und in fast alle jüdischen Wohnungen im Scheunenviertel wurde eingebrochen und grosser Schaden angerichtet. Während dieser gefährlichen Zeit und mutwilligen antijüdischen Exzesse waren uniformierte Polizisten in der Münzstrasse vor der Synagoge und dem Haus postiert, in dem der „Warschauer Rav“ lebte. Diese Polizisten verwehrten dem Pöbel und sogar der S.A. den Zutritt.

Es gab noch mehr erstaunliche Vorkommnisse. In Folge der Pogromnacht nahmen die Nazis mehrere tausend Berliner Juden und einige Schüler des Rabbi Kupfersztoch fest und brachten sie in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Zwei Tage nach der Pogromnacht verliess der Rabbi seine Wohnung und reiste nach Oranienburg (am Rande Berlins) zum Konzentrationslager Sachsenhausen. Er bat um ein Gespräch mit dem Lagerkommandanten. Nach langem Warten wurde er vorgelassen. Energisch verlangte er die sofortige Freilassung seiner Schüler. Der Kommandant liess ein paar Telefongespräche mit dem Reichssicherheitshauptamt führen und daraufhin marschierte der Rabbi zusammen mit seinen freigelassenen Schülern noch am selben Nachmittag aus dem Konzentrationslager heraus.

Aber es war nicht immer möglich, der SS ein Schnippchen zu schlagen. Im Anschluss an die Pogromnacht wurden viele Juden, besonders polnische Orthodoxe, die leicht an ihrem Kaftan und Bart zu erkennen waren, mit ihren Frauen von den Nazis abgeholt und deportiert. Sie wurden in die Konzentrationslager gebracht und schliesslich dort ermordet.

Nur der „Warschauer Rav“ wurde nicht deportiert. Er blieb in seiner Wohnung in der Münzstrasse und starb am 2. März 1940 eines natürlichen Todes. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof der Adas Israel begraben.

Der Neffe vom „Warschauer Rav“, Herr Cooper, bestätigte mir im März 2005 die Geschichte. Er wohnt in Australien. Auch Herr N. Nebenzahl, der 1939 in der Nähe der Münzstrasse 25 wohnte, wusste von den Begebenheiten.